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Tom Wolfe in New York : Sie haben Informationen, ich bekomme sie!

Wider die Anpassung an lokale Sitten: Tom Wolfe, wie immer in Weiß Bild: dapd

Nach vier Jahren Arbeit stellt Tom Wolfe in New York sein neues Buch „Back to Blood“ vor, eine pulsierende Geschichte aus dem alltäglichen Bürgerkrieg Miamis.

          Übrigens, das nächste Buch von Tom Wolfe wird wieder ein nichtfiktionales sein und die Geschichte der Evolutionstheorie erzählen, von den Fieberphantasien des Darwin-Rivalen Alfred Russel Wallace bis zu den verrückten Schlussfolgerungen heutiger Hirnforscher. Wolfes soeben erschienener vierter Roman schildert den Kampf ums Dasein in Miami, den alltäglichen Bürgerkrieg in einer von Einwanderern regierten Küstenstadt, in der die Solidarität unter Blutsverwandten der entscheidende Startvorteil ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          An „Back to Blood“ hat der seit fünfzig Jahren in New York lebende Autor vier Jahre lang gearbeitet. Zwei Jahre lang hat er recherchiert, berichtet er auf Nachfrage bei der Buchvorstellung in der Filiale von Barnes and Noble am Union Square, und dann „ewig“ geschrieben, in Klausur in einer kleinen Stadt, deren Hauptstraße nur zwei Blocks lang ist. „Und ich bin in der ganzen Zeit nie bis zum Ende gekommen!“ Auch er, soll das heißen, kann um das mot juste ringen wie die von ihm unermüdlich geschmähten Baudelaire-Nachahmer, die um jeden Preis unverständlich schreiben wollen.

          Bei der Verteilung der Klappstuhlplätze sind die Fans bevorzugt worden, die das Buch schon vor der Lesung gekauft haben. Das Sieben-Millionen-Dollar-Buch: So viel Vorschuss hat Little Brown ausgegeben, um Wolfe zu gewinnen, der früher bei Farrar, Straus and Giroux publizierte. Ein Zeitungskritiker hat ausgerechnet, dass jede Seite 10000 Dollar gekostet hat. So denken Zeitungsleute, wie Wolfes Roman beweist.

          Computer, die Ursache der Finanzkrise

          Der herrlich komische Prolog, aus dem Wolfe vorliest, handelt davon, dass der ortsfremde Chefredakteur des „Miami Herald“ und seine Frau vor dem momentan höchstbewerteten Restaurant der Stadt, das den Namen des von den Baudelaire-Epigonen verachteten Großrealisten Balzac trägt, einen Parkplatz suchen: Als sich der Wagen, der ihnen zuvorkommt, als Ferrari 403 entpuppt, kann der Nachfahre von Balzacs Andoche Finot den Listenpreis ohne Nachschlagen im Smartphone beziffern.

          Die meisten Zeitungsrezensenten haben „Back to Blood“ verrissen - das Buch sei schrill und bombastisch. Ausgerechnet der Kollege vom „Miami Herald“ kam zu einem positiven Urteil - das Buch sei schrill und bombastisch, genau wie Miami. Einer jungen Frau aus dem Publikum möchte Wolfe keine Hoffnungen auf eine Karriere im Journalismus machen. Aus den Zeitungen und Magazinen würden Cyberzeitungen und Cybermagazine, und lange Texte auf dem Bildschirm täten den Augen weh. Übrigens sei der von hinten beleuchtete Bildschirm auch die Ursache der Finanzkrise: Die Kreditspezialisten der Banken hätten am Computer die Tausende von Hypothekenverträgen nicht lesen wollen, die sie früher in Papierform geprüft hätten.

          Protokoll eines Lebens

          Der Heros des „New Journalism“ versteht sich noch als Journalist und geizt nicht mit Tipps: „Es gibt keine Technik des Zeitungsreporters.“ Man brauche nur das angeborene Mitteilungsbedürfnis der Menschen anzusprechen. Drei Dinge müsse der Reporter dem Einheimischen zu verstehen geben: „Sie haben Informationen! Ich brauche sie! Und ich werde sie auch bekommen!“ Wenn man den dritten Teil nicht vergesse, sei alles ganz einfach. „Man muss nur den Willen mitbringen.“ Denn jeder von uns leide unter dem Zwang, Wissen loswerden zu wollen. Das erklärt, warum der Roman so lang geworden ist.

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