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Tödliche Schüsse : Nur die Namen der Opfer

Das Titelblatt der „Libération“, 20. März 2012 Bild: Verlag

Das Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse lässt Frankreich innehalten. Der Wahlkampf tritt in den Hintergrund, die Medien halten sich zurück. Niemand will einen Fehler machen.

          Frankreich steht still. Im ganzen Land wurde am Dienstagvormittag um elf Uhr eine lange Minute lang geschwiegen. Der Wahlkampf ist unterbrochen worden. Trauer, Sprachlosigkeit, Angst, Solidarität beherrschen die Stimmung, die Medien geben sie wieder. „Libération“ druckt auf der ersten Seite in weißer Schrift auf schwarzem Grund die Namen der Toten, ihr Alter und das Datum der drei Anschläge, denen sie in Toulouse und Montauban zu Opfer fielen. Mit Würde, Takt und Anteilnahme werden die kollektiven Emotionen ausgedrückt - selbst das Privatfernsehen bremst seinen Voyeurismus. Und hält die Bilder von den toten Kindern zurück.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Richard Prasquier, der Präsident des Jüdischen Zentralrats Crif, erinnerte sich und das Land an das Attentat in der Synagoge in der Pariser Rue Copérnic im Oktober 1980. Es war das erste seit dem Krieg und forderte vier Tote. Der damalige Staatspräsident Giscard d’Estaing hatte sich gar nicht erst an den Ort begeben. Sein Premierminister Raymond machte alles noch schlimmer: Er sprach in seiner Erklärung davon, dass die Bomben „auch unschuldige Opfer“ gefordert hätten. Völlig unvorbereitet hatte der Anschlag nicht nur die überforderten Politiker getroffen: Der Antisemitismus war tabu und kein gesellschaftliches Problem.

          Sie machten Fehler und lernten

          Das Attentat schreckte die jüdischen Franzosen auf: Ein paar Monate später wählten sie nicht, wie sieben Jahre zuvor, Giscard. Sondern Mitterrand, dem sie mehr Vertrauen schenkten und historische Sensibilität bescheinigten. Er hatte versprochen, den abgeschafften Feiertag zum Ende des Weltkriegs wieder einzuführen. Zwischen den beiden Wahlgängen veröffentlichte der „Canard enchaîné“ die ersten Enthüllungen über die Vergangenheit von Maurice Papon, der im Krieg als Präfekt an der Deportation der Juden beteiligt war. In Giscards Regierung bekleidete er das Amt des Tourismusministers.

          Mitterrand war seit einem Jahr im Amt, als palästinensische Attentäter im jüdischen Restaurant Jo Goldenberg sechs Menschen erschossen. Diesmal waren die Repräsentanten des Staates zur Stelle. Seither ist der Antisemitismus, dessen Renaissance unvorstellbar schien, eine Realität, mit der sich Medien und Politiker auseinandersetzen müssen. Sie haben Fehler gemacht, aber auch gelernt.

          Jahrelang wurden nach den Leichenschändungen auf dem jüdischen Friedhof von Carpentras 1990 Jean-Marie Le Pen und sein neofaschistischer Front National indirekt für die Tat verantwortlich gemacht. Im Klima der kollektiven Empörung entstand 1992 das nach dem Kommunisten Gayssot benannte Gesetz, das die Auschwitz-Lüge unter Strafe stellt. Nochmals vergingen ein paar Jahre, bis das Verbrechen aufgeklärt wurde: Die Täter waren besoffene, haltlose Jugendliche aus besseren Familien und standen keineswegs unter dem ideologischen Einfluss einer neuen Rechten. Die linke Mobilisierung hatte letztlich die Wahrheitsfindung behindert. Nicht ganz grundlos sprach Le Pen von einer „ideologischen Staatslüge“. Doch mit seinen permanenten Provokationen (Auschwitz als „Detail“ der Geschichte) sorgte er für permanente Skandale und Schlagzeilen. Die „loi Gayssot“ war seiner traurigen Profilierung äußerst nützlich.

          Es gibt ein Täterprofil, aber keine konkrete Spur

          Davon hat sich seine Tochter distanziert. Auch sie fand nach dem Anschlag in Toulouse eindrückliche Worte der Trauer und der Verurteilung und stellte jegliche Wahlkampfaktivitäten ein. Richard Prasquier, der sich ansonsten so kämpferische wie anklagend gibt, wollte am Dienstagmorgen im Rundfunk nichts von Schuldzuweisungen wissen. Ein Kommentator erwähnte das „populistische Klima“ in Europa, das doch in Norwegen und Deutschland zu mörderischen Anschlägen geführt habe. In Frankreich sei die Zahl der antisemitischen Übergriffe zurückgegangen, erwiderte Prasquier. Und in Polen habe sich die Lage sensationell verbessert.

          Vage ist von Neonazis und islamistischer Gewalt die Rede. Es gibt ein „Täterprofil“, aber keine konkreten Spuren. Die Medien halten sich an die Angaben aus Polizeikreisen. Keine Theorien, kaum Spekulationen. Erklärungen wären frivol. Es wird erzählt, berichtet, befragt: Zeugen, die irgendwie dabei waren, kommen zu Wort. Und Psychologen, die schildern, wie Kinder mit einem Trauma umgehen. Die Intellektuellen schweigen. Noch ist es die Stunde des Zusammenrückens. Nur ja keine falschen Erklärungen und keine Instrumentalisierung, lautet das Gebot. Das vorschnelle Reagieren mit Schuldzuweisungen an den politischen Gegner hat einer vorsichtigen Haltung - und Zurückhaltung - Platz gemacht.

          Selbst banalste Einschätzungen mit einem Hauch von Selbstkritik stören den Konsens. „Das Attentat wurzelt in einer tief gespaltenen Gesellschaft“, hatte der Kandidat der politischen Mitte, François Bayrou, erklärt. Außenminister Juppé empfand diese Einschätzung offensichtlich bereits als Kriegserklärung an Sarkozy und nannte sie im Fernsehen „gemein“. Die nationale Allianz mit dem Waffenstillstand im Wahlkampf, die bis zur Beerdigung in Jerusalem anhalten sollte, bröckelt. Am Dienstagnachmittag forderten die - antifaschistischen - Kandidaten des linken Spektrums eine Wiederaufnahme der Debatten.

          Die Attentate verändern den Wahlkampf und könnten ihn entscheiden. Sarkozy, in der Kampagne eher als verzweifelter Herausforderer wahrgenommen, fand vor Ort in seine Rolle als Präsident zurück. Hollande, der Favorit, gerät in die Defensive. Und darf Sarkozy nicht angreifen. Für beide gilt: Wer den ersten Fehler macht, hat verloren. Darauf lauern schon die Medien.

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