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Todesfall : Obduktion soll Todesursache Mommsens klären

  • Aktualisiert am

Wolfgang Mommsen, 1930 - 2004 Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft Stralsund will die genaue Todesursache des bekannten Historikers Wolfgang Mommsen, der am Mittwoch bei einem Badeunfall auf Usedom ums Leben kam, mit einer Obduktion klären lassen.

          Wolfgang Mommsen, einer der bekanntesten deutschen Historiker, ist tot. Der Geschichtsprofessor starb an diesem Mittwoch bei einem Badeunfall in der Ostsee. Er wurde 73 Jahre alt. Mommsen, Zwillingsbruder des Historikers Hans Mommsen und Urenkel von Theodor Mommsen („Römische Geschichte“), gehörte über Jahrzehnte zu den renommiertesten Vertretern der Geschichtswissenschaft in Deutschland.

          Mit engagierten Stellungnahmen und Urteilen aus einer sozial-liberalen Grundhaltung heraus trug Wolfgang Mommsen zum Selbstverständnis der Bundesrepublik bei. Über das Versagen führender deutscher Historiker in der Zeit des Nationalsozialismus fand er klare Worte.

          Seine Schwerpunkte waren die Geschichte des deutschen Kaiserreichs und das Thema Imperialismus, das er in zahlreichen Standardwerken behandelte. In der renommierten „Propyläen Geschichte Deutschlands“ ist Wolfgang mit den Bänden von 1850 bis 1918 vertreten. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit dem Soziologen Max Weber und war einer der Herausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe.

          Obduktion soll Todesursache klären

          Wie die zuständige Polizei in Anklam mitteilte, hatte sich der Unfall im Ostseebad Bansin auf der Insel Usedom (Mecklenburg-Vorpommern) ereignet. Badegäste hätten Mommsen im Wasser treibend entdeckt und an Land gebracht. Der Notarzt habe nur noch den Tod feststellen können. Die Staatsanwaltschaft Stralsund will die genaue Todesursache des Historikers mit einer Obduktion klären lassen. Das teilte die Polizei in Anklam am Donnerstagmorgen mit.

          Wolfgang Mommsen, am 5. November 1930 in Marburg geboren, lehrte viele Jahre als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf. Darüber hinaus war er von 1977 bis 1985 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London sowie Gastprofessor an zahlreichen renommierten Hochschulen im In- und Ausland. In der Wendezeit - von 1988 bis 1992 - war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands.

          Beim Historikertag 1990 in Bochum widersprach er entschieden dem Vorwurf, die deutschen Historiker hätten nach 1945 die nationale Tradition vernachlässigt und zu einer Schwächung des nationalen Gedankens beigetragen. Er verwies darauf, daß ohne ihre kritische Haltung zur deutschen Vergangenheit die Einheit nicht möglich gewesen wäre.

          „Gemeinsam ist den Mommsens eine an ihren Urgroßvater erinnernde polemische Deutlichkeit, eine liberale Konfliktfreudigkeit, die in der - jedenfalls vor dem Historikerstreit - eher leisetreterischen historischen Zunft erfrischend auffiel“, hieß es in einer Würdigung. In einem Fragebogen bezeichnete Wolfgang Mommsen Bismarcks Sozialversicherungsgesetze 1881-1885 als die von ihm am meisten bewunderte Reform in der Geschichte.

          Die akademischen Karrieren der Brüder Hans und Wolfgang Mommsen weisen viele Parallelen auf. Beide promovierten 1959, Hans in Tübingen, Wolfgang in Köln, sie habilitierten sich 1967 und beide erhielten 1968 ihren ersten Ruf als ordentliche Professoren, Hans nach Bochum, Wolfgang nach Düsseldorf. Beide emeritierten 1996.

          Zu den Anekdoten über die sich sehr ähnlich sehenden Zwillinge gehört, daß der eine den anderen bei Krankheit in der Vorlesung vertreten haben soll. Niemand soll es bemerkt haben.

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