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Zum Tod von Klaus Heinrich : Nichts, was wir erinnern können, ist vorbei

Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich (1927 bis 2020) betrachtet seine Werke in Berlin Bild: Jan Sobottka

Er war einer der großen deutschen Gelehrten der Nachkriegszeit und wusste um die doppelte Gefahr der Religion: Zum Tod Klaus Heinrichs.

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          Unter der großen deutschen Gelehrten der Nachkriegszeit war Klaus Heinrich der am wenigsten Bekannte. Denn lange publizierte der Philosoph und Religionswissenschaftler kaum und ungern. Als er fünfzig war, lagen nur zwei schmale, dichte Bände von ihm vor. Der eine davon war die nur mit Mühe durchgesetzte Habilitation von 1964, der „Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen“ – ein Essay, kein wissenschaftlicher Wälzer, vor allem aber ein stilistischer und geistespolitischer Angriff auf das akademisch Übliche. Heinrich handelte darin von Formen des Widerstands gegen Übermächtiges.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Er selbst, Jahrgang 1927, hatte seine Jugend im nationalsozialistisch beherrschten Berlin zugebracht, war als Flakhelfer herangezogen und wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt worden. Bis ins hohe Alter standen seine Forschungen im Zeichen der Erfahrung eines durch Mythologien bedrohten Lebens. Über Schwierigkeiten, nein zu sagen, schrieb wenige Jahre vor dem Studentenprotest von 1968 freilich auch ein Autor, der seine Erfahrungen mit den „leibhaft Nachlebenden des NS“ und ihren Verdrängungen gemacht hatte.

          Die Stadt war für ihn Berlin

          In Heinrichs Religionswissenschaft wurde der zeithistorisch akute Begriff der Verdrängung zu einem Schlüssel für die gesamte Kulturgeschichte. Sein zweites Buch – zu dem ihm noch während des stockenden Habilitationsverfahrens geraten worden war – griff ein Motiv des ersten auf und verglich den antiken Denker Parmenides mit dem Propheten Jona unter dem Aspekt, wie unterschiedlich Philosophie und religiöse Erzählung auf die Instabilität der Welt reagieren können. In Elea durch den Entwurf eines negationsfreien Seins und die Bevorzugung des Unveränderlichen als des eigentlich Wirklichen. Im akkadischen Ninive, heute im irakischen Mossul gelegen, durch die zornige, protestierende, in Mitleidenschaft geratende Suche nach den Gründen für die Katastrophe der Stadt.

          Die Stadt war für Klaus Heinrich Berlin. Hier war er geboren worden, hier hatte er 1948 ihre Freie Universität als Student mitgegründet, nachdem an der Universität Unter den Linden der Marxismus in seiner törichtsten Form die Oberhand gewann. Zeit seines Lebens hielt Henrich sich in Dahlem auf und lehrte am „Paul-Tillich-Institut“ eine Religionswissenschaft, wie sie sonst niemand betrieb: als Literatur- und Kunstgeschichte, Psychoanalyse, Architekturdeutung und Logik.

          Seine Wirkung entfaltete er dabei zunächst ganz durch den mündlichen Vortrag und das Seminargespräch. Wer seine Vorlesungen besuchte, folgte einem an keine Schule und keine disziplinäre Grenze gebundenen Gedankengang, der die Aufmerksamkeit des Publikums mehr als nur durch sein immenses Wissen band. Wobei: Die ständige höfliche Überforderung – „Wie Sie alle wissen...“ – zeigte in einem fort an, was interessant zu wissen und lohnend nachzuarbeiten sei; denn man wusste ja, gemessen an Heinrichs Kapazität, so gut wie gar nichts.

          Doppelte Gefahr

          Hingehört werden musste jedoch auch der Unabsehbarkeit dessen halber, was Heinrich in völlig freier Rede entwickelte. Auf und ab gehend dechiffrierte er Bildnisse, Märchen, mythologische Figuren oder Gedichte, kam vom einen aufs andere, ohne dass je der Eindruck entstanden wäre, er sei ein Sammler, der Schätze ausbreite. Seine Religionswissenschaft war nämlich Aufklärung im Sinne der Sichtung eines gedanklichen, figurativen und bildlichen Areals nach Gefahrenmomenten. Die Gefahr war dabei eine doppelte: Die Gefahr, der Religion als Zauber anheimzufallen, wie die Gefahr, den „Polytheismus der Einbildungskraft“ in ihr zu verkennen und ihr den Rücken zuzuwenden. Heinrich zog aus der „Dialektik der Aufklärung“ die Konsequenz eines Forschungsprogrammes.

          1981 erschien dann zum ersten Mal eine seiner Vorlesungen gedruckt. Studenten und Mitarbeiter hatten den Zögerlichen dazu bewegt, Tonbandabschriften freizugeben. Der Band hieß „Tertium datur“ und enthielt eine 1970 vorgetragene religionsphilosophische Einführung in die Logik, die noch heute, fünfzig Jahre danach, jeder Person in die Hand gedrückt werden sollte, die sich für Philosophie interessiert. Weitere solche Nachschriften folgten: Über den Anthropomorphismus als Technik der Religionsdeutung. Darüber, was sich im Hang zur Heldenverehrung verkörpert. Darüber, was sich kulturhistorisch mit Psychoanalyse anfangen lässt. Lässt sich historischer Schrecken in Witzen, Festen oder Träumen verarbeiten? Was unterscheidet Schinkel von Speer? Was Apollon von Narziss?

          Zivilisation beruht für Heinrich auf dem Unsichtbarmachen ihrer Kräfte. In allen ihren Hervorbringungen suchte er die Widersprüche auf, die sie konstituieren: Fluchtimpulse und solche der Vereinigung, des Beschwörens, des Opferns und der Triebunterdrückung, der Ordnungssuche wie dem Freiheitsstreben. Eine „Balance“ zwischen solchen, einzeln unvermeidbar gewalttätig werdenden Kräften zu finden, setzte für ihn ihr Verständnis voraus. Für wenige Geisteswissenschaftler seiner Generation war die Universität darum so sehr wie für ihn ein Ort, dessen Bedeutung weit über das Wissen hinausging, das an ihr vermittelt oder hervorgebracht wurde.

          Heinrichs Endlos-Seminar zu Bildinterpretationen der Renaissance („Teil I–XXIX nicht vorausgesetzt“ stand im Vorlesungsverzeichnis) ist nur das besonders sprechende Beispiel für eine affektive Beziehung zur Existenz der Universität. Die Bewegung von 1968, die ihm als letzte Liebeserklärung der Studenten an das Studium erschien, ging für ihn darum mit Enttäuschungen aus. Fragte man seinen langjährigen Verleger, KD Wolff, in den vergangenen zehn Jahren, wie es Klaus Heinrich gehe, so bekam man die Antwort: „Schlecht, wie seit drei Jahrzehnten“.

          Das war freundlich gemeint, Heinrich hatte fürwahr Gründe über seine Gesundheit zu klagen und publizierte zugleich mehr als in seiner Jugend. Nun ist er im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben. Das Beste, was sich jetzt machen lässt, ist „Tertium datur“ zu lesen oder einen der anderen Bände der hoffentlich nicht abbrechenden Publikation seiner Vorlesungen.

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