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Hauptstadt-Kulturpolitik : Wie Berlin eine Kunststadt bleibt

Spatenstich für das Museum der Moderne am Berliner Kulturforum im Dezember Bild: dpa

Wie konnte es so weit kommen, dass Privatsammler Berlin vorführen? Und was können Stadt, Bund, Museen und Sammler jetzt unternehmen? Eine To-Do-Liste.

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          Durch alle Zeitungen und Fernsehjournale ging nun die Geschichte von der blamierten Kunststadt, die ihre privaten Sammler verliert. Aber niemand konnte erklären, am wenigsten die Verantwortlichen, wie das Unfassliche passieren konnte: dass, während gerade erst die Baustelle für ein 450 Millionen Euro teures Museum angestochen wurde, die 10.000 Quadratmeter Museumsfläche der Rieck-Hallen am Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof abgerissen werden sollen, weil der Bund verpasst hat, sie vor Ablauf des Mietvertrags zu kaufen. Worauf Friedrich Christian Flick seine Leihgaben abzog. Und Julia Stoschek begann, die Stadt mit der Drohung vor sich herzutreiben, auch ihre Ausstellungshalle im alten Tschechischen Kulturzentrum zu schließen. Was ein ungleicher Kampf ist, da die Stadt ihr ja gar nicht direkt antworten kann: teilt sie sich doch auf in Bezirke, Land, Bund und Museen.

          Wie bleibt Berlin jetzt eine ernstzunehmende Kunststadt? Hier, was zu tun ist:

          – Julia Stoschek hört auf zu behaupten, dass keiner sie anruft, und ruft Klaus Lederer und Monika Grütters zurück.

          – Stoschek sagt, was sie eigentlich will.

          – Stoschek zahlt die Mieterhöhung, die sie dem Bund seit 2019 schuldet. Das Tschechische Kulturzentrum bleibt in Bundeshand.

          – Stoschek bekennt sich öffentlich zu Berlin. Sie tritt in den Verein der Freunde der Nationalgalerie ein und engagiert sich für gemeinschaftliche Ankäufe. So gibt sie jungen Unternehmen ein Beispiel, wie man durch Kunstsammeln das allgemeine Niveau heben kann.

          – Bund und Länder einigen sich auf eine Anpassung des Ankaufsetats der Nationalgalerie von 65.000 auf zwei Millionen Euro – der Umfang, mit dem die Kunstsammlung NRW vorführt, dass der Staat auch auf einem entfesselten Kunstmarkt Geschichte mitschreiben kann.

          – Das Land Berlin erhöht den Ankaufsetat der Berlinischen Galerie von 255.000 auf eine Million Euro. Ankäufe während des Gallery Weekends werden öffentlichkeitswirksam inszeniert.

          – Der Bund gibt der CA Immo gleichwertige Immobilien im Tausch gegen den Hamburger Bahnhof und das südliche Viertel der Rieck-Hallen. Auf dieser Fläche werden die vier Viertel einfach übereinandergestapelt.

          – Der Hamburger Bahnhof begnügt sich mit den 268 Werken, die Friedrich Christian Flick als Schenkung hinterlassen hat, und bringt in den vertikalen Rieck-Hallen wechselnde Privatsammlungen in spannende Korrespondenzen.

          – Julia Stoschek schenkt dem Hamburger Bahnhof Werke und überlässt andere als Dauerleihgabe – nach zehn Jahren kann sie, wie schon Flick oder Axel Haubrok, ordentlich Erbschaftsteuer sparen.

          – Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird nach Abschluss der Prüfung durch den Wissenschaftsrat im Juni zerschlagen. Alle Museen bekommen die nötige Autonomie, um mit Städel, Tate oder Fondation Beyeler zu konkurrieren.

          – Nationalgalerie und Museum der Moderne berufen einen klugen und feinsinnigen Direktor.

          – Der Kultursenator beruft einen Expertenrat Bildende Kunst ein. Dort sitzen neben Berliner Künstlern und Architekten auch Vertreter des Wirtschafts- und des Stadtentwicklungssenats.

          – Der Expertenrat entwickelt einen Kunstplan für Berlin, der sicherstellt, dass Kultur-, Wirtschafts-, Baupolitik und Stadtmarketing nicht mehr gegeneinander arbeiten, sondern ihre Synergien nutzen. Die Stadt fördert Galeriegründungen, sichert Arbeits- und Ausstellungsräume und steuert die Gentrifizierungseffekte zum Nutzen aller.

          – Der Berliner Kunstplan macht international Schule.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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