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Physik vs. Storytelling : Tür mit Herz

Da treiben sie in ihren selbstverschuldeten Untergang: Jack und Rose kämpfen mit Mobiliar und Flut. Bild: Picture-Alliance

So mancher Film wurde mit tragischem Ende konzipiert und dann doch noch glücklich zurechtgebogen. Umgekehrt ist nicht jedes tragische Ende unausweichlich – man muss nur genau nachrechnen.

          Han Solo bat um den Tod, aber die Macher von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ blieben hart. Der Schauspieler Harrison Ford, der vorgeschlagen hatte, seine Figur heroisch sterben zu lassen, um seine Freunde vor den Truppen des Imperiums zu beschützen, musste 32 Jahre auf die Erfüllung seines Wunschs warten – der Tod ereilte ihn erst im siebten „Star Wars“-Film von der Hand des eigenen Sohns. Möglich wurde das nur, weil Han Solo in der Zeit zwischen den beiden Filmen mit Prinzessin Leia ebenjenen Sohn zeugen konnte, also den nicht erfüllten Todeswunsch heimlich dann doch zu befördern.

          Filmstoffe haben, so scheint es, eine eigene Logik, jedenfalls wenn das Werk einmal auf die Leinwand gekommen und möglicherweise sogar zum Klassiker geworden ist. Natürlich gibt es genügend Beispiele für Filme, deren Urheber lange über zwei oder gar noch mehr Enden nachdachten, bevor sie sich dann für jenes entschieden, das heute alle kennen.

          Das tragische Ende ist nicht unausweichlich

          Schade ist es immerhin um das verzankte Paar, das sich im Alternativende von „Pretty Woman“ mit Geldscheinen bewirft, bevor der Millionär davonbraust und die Prostituierte ihm hinterherruft: „Ich hasse dich! Ich hasse dein Geld!“ Oder die über und über mit Federvieh bedeckte Golden-Gate-Bridge im letzten Bild von „Die Vögel“ – Hitchcock, so heißt es, sei dieses „It’s not over yet“-Ende viel lieber gewesen als das der veröffentlichten Fassung. Auch „Alien“ hätte gern so enden dürfen, wie es dann verworfen wurde: Nicht Ripley besiegt den Fremden aus dem Weltall, sondern umgekehrt, und das Alien sendet dann mit verstellter Stimme einen Funkspruch an die Erde, der wie von Ripley gesprochen klingt.

          Wenn man sich rechtzeitig entscheidet, kann man trotz der erwogenen Alternativen Gültigkeit für die letztlich geschaffene Fassung beanspruchen – das Werk ist dann, wie es eben ist. Wenn man sich aber erst nach der Veröffentlichung entscheidet, bleibt einem nur die in „Dallas“ praktizierte Lösung, als Bobby Ewing zig Folgen nach seinem Serientod fröhlich aus der Dusche kommt und wir Zuschauer glauben sollen, all das seither rezipierte Elend sei ein langer Traum von Bobbys Ehefrau Pamela gewesen.

          Oder man rechnet einfach nach. Australische Schülerinnen sind nun für eine Forschungsarbeit ausgezeichnet worden. Die Mädchen hatten theoretisch und experimentell nach einem Weg gesucht, zwanzig Jahre nach der Uraufführung von James Camerons „Titanic“ das tragische Ende als eben nicht unausweichlich anzusehen: Wäre Leonardo DiCaprio alias Jack Dawson ihrer Expertise gefolgt, hätte er die Schwimmweste, die seine Freundin Rose trägt, unter die Garderobentür geklemmt, die Rose über Wasser hält – der Auftrieb hätte für beide gereicht. Wie das gerührte Publikum das gefunden hätte, steht auf einem anderen Blatt. Und auch, ob Jack und Rose im eiskalten Wasser lange überlebt hätten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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