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„Titanic“ gegen „Bild“ : Wer ist „Juri“?

Das Satire-Magazin „Titanic“ behauptet, dass die „Bild“-Zeitung bei ihrer Berichterstattung über einen angebliche Schmutzkampagne bei den Jusos auf eine Satire hereingefallen ist. Bild: Titanic

Die „Bild“-Zeitung ist wahrscheinlich auf eine „Titanic“-Satire hereingefallen. Und hält dagegen: Man habe nie behauptet, dass die Mails echt seien, sondern schlichtweg seinen Job gemacht.

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          Am Dienstag schien die „Bild“-Zeitung noch obenauf, am Mittwoch schon weniger. Zuerst war es ihr gelungen, einem Hund namens „Lima“ online eine Mitgliedschaft in der SPD zu besorgen, womit bewiesen werden sollte, wie anfällig für Manipulationen die Abstimmung der SPD-„Mitglieder“ über den Koalitionsvertrag sei. Dann sprang die Redaktion des Satiremagazins „Titanic“ aus der Kiste und behauptete, sie stecke hinter den Mails, die belegen sollten, dass es zwischen dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert und einem russischen Hacker namens „Juri“ eine Verbindung gebe.

          Dumm gelaufen?

          „Juri“ bot an, die No-Groko-Kampagne der Jusos zu unterstützen. Die „Bild“-Zeitung hatte groß über die vermeintliche Verbindung berichtet, die von der SPD von Beginn an als nicht existent bezeichnet worden war. „Bild“ sei auf den „Fake“ der „Titanic“ hereingefallen, frohlockte daraufhin das Satiremagazin. Der Internetredakteur des Blattes habe die Sache lanciert: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und ,Bild‘ druckt alles, was ihnen in die Agenda passt.“ Den vermeintlichen Mailverkehr zwischen Kevin Kühnert und „Juri“ stellte die „Titanic“ ins Netz, um zu belegen, dass sie Urheber der Sache sei, die der „Bild“-Zeitung nur zu gut in den Kram gepasst habe. Schon die Endung „@jusos.de“ hätte skeptisch machen müssen, schreibt die „Titanic“. Richtigerweise hätten die vermeintlichen Antwort-Mails von Kevin Kühnert von einer Adresse mit „spd.de“ stammen müssen.

          Dumm gelaufen, könnte man an dieser Stelle sagen. Ganz so dumm aber nicht, schreibt „Bild“ in eigener Sache. Man habe zwar nicht herausgefunden, dass die „Titanic“ hinter „Juri“ steckte, aber von Beginn an Zweifel gehabt und erst berichtet, als die SPD wegen der Mails Strafanzeige gegen unbekannt stellte. Das Landeskriminalamt habe die Ermittlungen aufgenommen und die Zeitung um die Überlassung der Mails gebeten. Die „Bild“-Zeitung habe nie behauptet, dass die Mails echt seien, sondern deren Echtheit in Frage gestellt und journalistisch eingeordnet, heißt es auf Anfrage beim Springer-Verlag. Dass die SPD „inmitten ihrer bundespolitisch relevanten Mitgliederbefragung eine Strafanzeige gegen unbekannt wegen Verleumdung des Juso-Vorsitzenden stellt“, betrachte man „weiterhin als relevanten und berichtenswerten Vorgang“.

          Allerdings muss man auch sagen, dass die „Bild“-Zeitung durch ihre Berichterstattung die Angelegenheit mächtig aufgewertet hat. So wurde eigens ein „Cyber-Security-Professor“ zitiert, der sich davon überzeugt gab, dass die fraglichen Mails über einen SPD-Server gelaufen seien und von jemandem stammen müssten, der „Zugang zu Systemen der SPD“ habe. Was die Partei aber ebenfalls verneinte. So hätte man durchaus zu dem Schluss kommen können: Eine Geschichte mit so vielen Fragezeichen taugt nicht zur Titelstory. Das stellt die Realsatire freilich, welche die SPD mit ihrer Mitgliederabstimmung über die künftige Regierung veranstaltet, noch längst nicht in den Schatten.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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