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Tim Renner im Gespräch : Wie das Amt die Rebellion organisiert

  • Aktualisiert am

Tim Renner in seinem Büro in der Berliner Brunnenstraße Bild: Andreas Pein

Abwarten hält er für eine gute Sache. Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner im Gespräch über Claus Peymann, Chris Dercon, die Simulation und andere Probleme der Verwaltung.

          6 Min.

          Herr Renner, man wirft Ihnen vor, keine Vision zu haben. Haben Sie eine?

          Ohne Idee von der Richtung, in die wir gehen wollen, hätte ich mich auf dieses Abenteuer niemals eingelassen. Nirgendwo ist Kultur spannender als in Berlin. Das zu gestalten und der Vielseitigkeit Raum zu geben, ist eine großartige Aufgabe. Also habe ich meine Firma, die ganz gut lief, verlassen, um in der Position des Kulturstaatssekretärs neue Perspektiven mit einzubringen.

          Was ja eher eine Vision für Tim Renner ist. Nicht unbedingt für Berlin.

          Ich glaube, es gilt für mich und die Stadt, wir beide haben miteinander zu tun. Nirgendwo sonst gibt es so gute Bedingungen, Neues zu entwickeln, Kunst in einem Spektrum von Gedenkkultur bis Digitalisierung zu denken. Berlin ist zudem eine Stadt, die weit über Deutschland hinausstrahlt. Auf der ganzen Welt wollen die Menschen wissen: Was passiert da gerade, was bewegt sich in Berlin?

          Okay, das ist der Befund. Was ist die Vision?

          Erst aus dem Befund, einer vernünftigen Analyse ergibt sich die Idee. Die Stärke der Stadt besteht darin, dass man hier ausprobieren kann, was anderswo nicht geht, ohne Angst, vor allem ohne Angst vor dem Scheitern. Diese Haltung wiederum spielt in dieser Stadt eine besonders große Rolle. Die ganze Stadt und ihre Kultur leben aus einer Idee von sich selbst. Und sie muss Ideen ermöglichen, ausprobieren, entwickeln. Es ist unser Job und unsere Vision, diese Freiheiten zu fördern und zuzulassen.

          Das tut ja jeder in Berlin, der was mit Kultur und Medien macht. Jeder, der keiner geregelten Arbeit nachgeht. Die Behörde dagegen, braucht die eine Vision? Oder braucht sie eher Geld? Und ein anständiges Management?

          Typische Frage eines Süddeutschen. Es ist eben auch das Verdienst jener Leute, die vielleicht Ihrer Meinung nach nichts Vernünftiges, weil nichts Geregeltes tun, dass Berlins Kultur sich so einzigartig entwickeln konnte. Und anders als im Rest der Republik wächst die Wirtschaft in Berlin seit 2002 kontinuierlich, und zwar auch wegen unserer Kulturszene.

          Die Frage war ja eher: Braucht die Behörde eine Idee? Oder soll sie managen, organisieren?

          Das eine geht nicht ohne das andere. Wenn man mit Geld unterstützt, wenn man gute Leute nach Berlin holen will, dann sollte man sowohl eine Idee haben, wohin man will, als auch wissen, wie man dort hinkommt.

          Und das war der Auslöser für all die Beschimpfungen, die Gerüchte, die jetzt in Berlin herumgeistern: Chris Dercon, früher Chef des Hauses der Kunst in München, zurzeit bei der Tate Modern in London, soll Intendant der ruhmreichen Volksbühne werden.

          Ich habe auch davon gehört. Dieses Gerücht wird ausgesprochen gern kolportiert.

          Dercon dementiert es nicht. Wenn man ihn um ein Interview bittet, schreibt er: Wartet ab!

          Ich finde, abzuwarten ist generell eine gute Sache, wenn die Dinge sich klären müssen. Es ist interessant, wie heftig schon auf Basis eines Gerüchts diskutiert wird, vom „Guardian“ über „Le Monde“ bis zu deutschen Zeitungen. Gut so.

          Sind das nicht Taschenspielertricks? Sich nicht zu äußern - und sich zugleich zu freuen über die Aufregung?

          Lassen Sie mir die Freude. Ganz offensichtlich gibt es für die Aufregung ja sehr unterschiedliche Motive. Und wenn man sich manche Wortmeldungen der letzten Tage anschaut, dann kann man daraus schließen, dass der ein oder andere schon lange nicht mehr in der Volksbühne war.

          Und Sie?

          Vor circa drei Wochen, bei der Premiere „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“, von René Pollesch und Tocotronics Dirk von Lowtzow. Ich glaube, das war etwas, was Claus Peymann wohl auch als „Event-Bude“ bezeichnen würde. Ich glaube aber nicht, dass er weiß, wer Tocotronic sind.

          Irgendwas von früher, oder?

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