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Tierrechte gegen Schaulust : Dem Zoo geht es an den Kragen

Dieses vom Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Gutachten, in dem es um Gehegegrößen, Tötung und Verfütterung gesunder, nach Zuchtkriterien freilich „überzähliger“ Zootiere geht sowie um die Semantik des „vernünftigen Grundes“, den das Gesetz für die Drangsalierung eines Wirbeltiers erfüllt sehen will – dieses Gutachten und die es begleitende Debatte bilden die Defensive, in welche die Zoos geraten sind, wie kein zweites Dokument ab. In Münster war das eben novellierte Säugetiergutachten denn auch immer wieder Bezugspunkt, wenn man sich in Tischgruppen über die Lage der Zoos klarwerden wollte.

In Ermangelung konkreter rechtsverbindlicher Haltungsvorgaben gilt das Papier als eine Art Tischvorlage für eine mögliche künftige gesetzliche Regelung und nimmt insoweit den Rang einer Zoobibel ein, die von den Kontrahenten mit historisch-kritischem Besteck beackert wird, auch wenn ihr (noch) keinerlei Rechtskraft zukommt.

Ist das System Zoo reformierbar?

Dass die Abwehrschlacht der Zoodirektoren dabei mehr und mehr die Form eines Rückzugsgefechts annimmt, verdankt sich nicht zuletzt dem albernen Versuch, so etwas wie eine Theorie der zwei Körper des Zoodirektors zu entwerfen: Man habe das Säugetiergutachten „lediglich als Verbandsvertreter, nicht aber als persönliche Sachverständige“ unterzeichnet. So steht es in dem Differenzprotokoll geschrieben, mit dem sich die Zoodirektoren gleichsam im Anmerkungsapparat vom Haupttext distanzieren. So könne es, sagen die Direktoren, beispielsweise keine Mindestanforderung sein, dass die Tiere, wie es im Gutachten heißt, „mit möglichst vielen Umweltreizen in Kontakt kommen“. Es sei ja noch nicht einmal sicher, „ob die Tiere es schätzen, möglichst vielen Umweltreizen ausgesetzt zu sein“.

Der Klassiker: Bernhard Grzimek mit Affen in „Ein Platz für TIere“

Derartige Einwände haben als Aufforderung zu verhaltensbiologischer Genauigkeit Gewicht. Betrachtet man die Aussage aber im Lichte der voll verfliesten Betonbunker, in denen noch immer nicht wenige Zootiere ihr stumpfes, in stereotypen Bewegungen verfangenes Dasein fristen, und im Lichte anderer Formen quälenden Reizentzugs, denen sie ausgesetzt sind, dann bekommt die Frage, ob die Tiere es schätzen, möglichst vielen Umweltreizen ausgesetzt zu sein, etwas grotesk Scheinheiliges, zumal ja gerade auch die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, die mangelnden Sichtblenden ein Topos der aktuellen Zookritik sind, die im Ganzen verfängt, auch wenn sie gelegentlich dazu neigt, die Verhältnisse der freien Wildbahn zu romantisieren und etwa mit dem züchterischen Zielbegriff der „sozial intakten Gruppe“ einer Utopie aufsitzen mag.

Nichtsdestoweniger halten die Tierrechtler an ihrer Position fest, dass das System Zoo unreformierbar sei: Eine verhaltensgerechte Unterbringung sei, sagen sie, bei einigen Arten „selbst bei optimalen Haltungsumständen“ unmöglich, und führen als Beispiele jene Tiere an, die Zoodirektor Theo Pagel als „charismatische Tiere“ der exemplarischen Zookritik entziehen möchte: Eisbären, Delphine, Elefanten und Menschenaffen.

Die Mehrheit seiner Kollegen schien in Münster aber sehr genau zu wissen, dass es für autoritäre Gesten inzwischen zu spät ist. Eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich im Wesentlichen auf die niedlichen, von jedem kritischen Impuls unberührten Zooserien verlässt, die das Fernsehen in allen seinen Regionalsendern Monat für Monat ausstrahlt (Kindchenschema bringt Quote), eine solche das Publikum für blöd verkaufende Öffentlichkeitsarbeit wird den Zoo nicht länger retten. Der Zoo der Zukunft wird ein anderer sein – ohne etliche der Arten, die heute noch dort anzutreffen sind –, oder er wird nicht mehr sein.

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