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Tiergärten im Wandel der Zeit : Und jeden Nachmittag ins Paradies

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Der Zoo ist ein Deal: Eltern erkaufen sich mit ihm Ruhe und ein bisschen Freiheit. Bild: Daniel Pilar

Freie Sicht auf die Röhrenrutsche: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland so viele Menschen in den Zoo gegangen wie noch nie. Woran liegt das? Und wie verändern die neuen Besucher die alten Tiergärten?

          7 Min.

          Zoo ist eine Schönwetterveranstaltung“, hatte Peter Dollinger, der Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten, am Telefon noch gesagt. Vielleicht erklärt das die sich in die Länge ziehende Suche nach einem Parkplatz am westlichen Rand von Münster. Es ist einer der ersten sonnigen Tage des Jahres, und der Allwetterzoo, der einen Parkplatz für tausend Autos besitzt, ist wirklich gut besucht. Und das, obwohl es ein ganz normaler Donnerstag außerhalb der Ferien ist.

          Die Gründe für den Andrang erahnt man schnell. Links von uns parkt ein Geländewagen ein, rechts ein Kombi. Links steigen zwei Mütter und drei kleine Mädchen aus, rechts ein Vater und drei kleine Jungs. Die drei kleinen Mädchen rennen zu den drei kleinen Jungs und rufen: „Wir waren die liebsten Kinder! Wir waren ganz leise.“ Man hat, so viel ist klar, den Leisesten was versprochen. Vielleicht ein Eis. Oder einmal Pellets am Automaten ziehen, um die Ziegen damit zu füttern. Man begreift es schon vor der Kasse: Der Zoo ist heute ein Deal. Eltern erkaufen sich mit ihm Ruhe und ein bisschen Freiheit. Es ist die Freiheit davon, selbst kreativ werden zu müssen. Denn niemand kann so kreativ sein wie das Federkleid des Flamingos, der Brunstschrei des Breitmaulnashorns. Das könnten zumindest die beiden Frauen und der Mann denken, die hinter den Kindern zum Eingang laufen.

          An den Kassen gibt es keine Schlangen. Alle haben eine Jahreskarte und gehen direkt durch. Im Jahr 1993, belegt die Zoo-Statistik, gab es hier gut 80.000 Besuche mit Jahreskarte. Zwanzig Jahre später gehen jährlich 170.000 Zoo-Trips auf das Konto der Dauerausweise.

          Zoos wollen heute eine Oase sein, vor allem für Eltern kleinerer Kinder. Deshalb ist Landschaftsgestaltung so wichtig wie nie.

          Pferdemuseum und Sonnenliegen

          Und noch etwas hat sich verändert. Der Zoo, den die Jahreskarten-Inhaber betreten, war einst als „Beton-Zoo“ verschrien, weil seine Tierhäuser eilig aus Beton gegossen worden waren, als man die Tiere Mitte der siebziger Jahre aus dem Stadtzentrum an die Peripherie umsiedelte. Doch heute ist der Beton hinter Holz und Kunstfelsen, Farbe und Naturputz verschwunden. Man hat Bambus davor wachsen lassen oder Bäume auf die Dächer gesetzt, deren Zweige herabhängen und die grauen Wände verdecken. Um die Blicke von den letzten Betonresten wegzulenken, wurden Brücken gebaut und Picknickplätze angelegt, Spielplätze erweitert und Aussichtstürme errichtet. Es gibt ein Pferdemuseum und Sonnenliegen am Seeufer, schattenspendende Pavillons, lauschige Bistros und ein asiatisches Langhaus mit einer Aussichtsplattform, von der aus man auf die Elefanten blickt.

          „Obwohl wir ein junger Zoo waren, mussten wir mehr tun als einige andere“, sagt Zoodirektor Jörg Adler, der sein Büro in einem Flachbau unweit der Kassen bezogen hat. „Aber uns ist der Weg zur Oase einigermaßen gelungen.“

          „Sitzen, Kaffee trinken, ins iPhone blicken, das Kind ist beschäftigt und abgelenkt in einer geschützten Umgebung“. Und der Latte schmeckt wie im Szenekiez.

          Unter Adlers Regie begann man in den neunziger Jahren, den Zoo zu modernisieren. Und wenn der Achtundsechzigjährige von einem „Weg zur Oase“ spricht, ist das nicht nur ein Slogan. Denn eine Oase zu werden, vor allem für Eltern kleiner Kinder, ist heute eines der obersten Ziele der deutschen Zoos. „Landschaftsarchitektur und Design“ seien für den Erfolg eines Zoos entscheidend, schreibt der Zooexperte Anthony Sheridan in einer Studie, in der er vor vier Jahren alle großen Zoos Europas bewertete. Der Allwetterzoo in Münster, der so heißt, weil viele Wege zwischen den Tierhäusern überdacht sind, steht mit seiner Offensive, sich von der Tierschau zum Freizeitparadies zu mausern, nicht allein. Im nahen Osnabrück hat man eine asiatische Tempelanlage errichtet, in Leipzig eine Safari-Lodge mit afrikanischem Frühstücksbuffet, in Hannover wurden die kanadische Wildnis und ein sambischer Fluss nachgebaut.

          Bildungs- und Erziehungsaufgabe

          Hinter diesem Ehrgeiz, ein familienfreundliches Klein-Paradies zu werden, verblassen frühere Ambitionen der Tiergärten. Die meisten deutschen Zoos wurden nach 1830 gegründet. Die Gründer – vor allem Ärzte, Wissenschaftler und Bankiers – wollten die naturwissenschaftliche Bildung der Bevölkerung fördern, weil der Schulunterricht die Biologie der Säugetiere damals fast vollständig ausklammerte.

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