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Tiergärten im Wandel der Zeit : Und jeden Nachmittag ins Paradies

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Der achtundsechzig Jahre alte Adler gilt aber auch deswegen als schwer ersetzbar, weil er ein Zoodirektor ist, der das Spiel mit den Medien beherrscht. Jahrelang fütterte er die überregionalen Panoramaseiten mit Neuigkeiten über den Schwan Petra, der sich in ein Tretboot verliebt hatte. Zu Berühmtheit kam auch „Pinguin Nummer 137“: Das Jungtier verschwand 1998 und blieb verschollen. Solche Geschichten vergrößern die Besucherströme stetig. Seit Jahren nehmen die Zoobesuche, die der Verband der Zoologischen Gärten in seinen 65 Mitglieder-Zoos verzeichnet, jährlich um etwa ein Prozent zu. 2014 war mit fast 43 Millionen Zoobesuchen ein Rekordjahr.

Tageskarte für 25 Euro

In Münster hat man das Deutsche Institut für Marketing genauer untersuchen lassen, wer diese Besucher sind. „Jüngere Familien in stabilen finanziellen Verhältnissen“, skizziert Adler die Ergebnisse. Er wagte ein Experiment: An einigen Winterwochenenden wurde „Pay what you want“ angeboten. „Die soziale Gruppe der Zoobesucher hat sich an diesen Tagen gravierend verändert“, so Adler. Viele Menschen aus sozialen Brennpunkten kamen. Im Schnitt zahlten sie ganze 4,60 Euro Eintritt, wohl aus Scham, weil man das Geld direkt übergab. Ein Cent hätte eigentlich gereicht.

Manche Besucher bauen Beziehungen zu einzelnen Tieren auf. Ob diese auf Gegenseitigkeit beruht, ist nicht erforscht.
Manche Besucher bauen Beziehungen zu einzelnen Tieren auf. Ob diese auf Gegenseitigkeit beruht, ist nicht erforscht. : Bild: Daniel Pilar

„Es hat viele gegeben, die gesagt haben: Danke, dass wir auch mal in den Zoo können“, sagt Adler. „Ich war sehr bewegt. Mir ist in den Jahren vorher nicht klar gewesen, dass wir vielen Menschen den Zoo gar nicht ermöglichen.“ Normalerweise kosten Tageskarten für Erwachsene hier siebzehn Euro. Als teuerster Zoo Deutschlands gilt allerdings der Zoo Hannover, für den Erwachsene 25 Euro Eintritt zahlen.

Eine Exklusivität, die Adler inzwischen kritisch sieht. „Die Gruppe der Zoobesucher ist heute sehr glatt, sehr homogen.“ Begonnen hat Adler als Tierpfleger im Leipziger Zoo, in dem er später, nach einem Studium der Agrarwissenschaften, Kurator wurde. „Meine Leipziger Jahre waren geprägt von skurrilen Besuchern“, sagt er, „der Zoo war auch ein Schutzraum für Exzentriker und Unangepasste.“ Die Tierpfleger fanden damals Namen für diese Gäste, sie nannten sie den „Pilzsucher“, den „Bücherwurm“ oder die „Kettenfrau“, die in der DDR durch ihre Piercings hervorstach.

Heute fehlen diese Sonderlinge. Allenfalls ein paar junge Pärchen mischen sich unter die Familien, haben Marktforscher in diversen Zoos herausgefunden. Peter Dollinger vom Zoo-Verband verweist allerdings darauf, dass es auch Einzelpersonen gebe, die oft eine persönliche Beziehung zu bestimmten Tieren aufbauten. Ob diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, ist noch nicht ausreichend erforscht. In Rotterdam soll ein Gorilla, als er ausbrach, gezielt eine Frau angegriffen haben, die regelmäßig kam und glaubte, sich mit dem Tier besonders gut zu verstehen. Die Geschichte hat Dag Encke erzählt, der Direktor des Nürnberger Zoos, als er in der Aprilausgabe von „Nido“ interviewt wurde, einem Magazin für Großstadteltern. Auch Encke sagte, dass Zoos den alten Bildungsauftrag nur noch erfüllen könnten, wenn sie möglichst schön und einladend sind.

Mit dem Bollerwagen in die Ruhezone: „Alle hier rein! Jetzt ist Feierabend!“
Mit dem Bollerwagen in die Ruhezone: „Alle hier rein! Jetzt ist Feierabend!“ : Bild: Daniel Pilar

Die Eltern im Allwetterzoo haben am späten Nachmittag keine Blicke mehr für die Kulisse übrig. Auf sie wartet der Kampf um das Abschiednehmen. „Letzte Runde!“, warnt eine Mutter neben der Schaukel. Eine andere zeigt auf den Bollerwagen und weist ihren Mann an: „Alex! Alle hier rein! Jetzt ist Feierabend!“ Dann schaut sie auf den sich leerenden Spielplatz und sinniert: „Also, wir waren ja früher auch oft im Zoo. Aber so oft dann doch nicht.“

Eine echte Inflation droht dem Zooerlebnis wohl trotzdem nicht. Denn irgendwann kommt das, was Jörg Adler die „zoofreie Zeit“ nennt: die Jahre zwischen vierzig und sechzig, wenn die Kinder größer sind. Erst von sechzig an kehre man dann wieder zurück: mit den Enkeln.

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