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Tierethik : Identifikationsfiguren frisst man nicht

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Am Anfang ihres Lebens werden Zoo-Giraffen als niedlich und schützenswert dargestellt. Und was passiert dann? Bild: dpa

Der moderne Zoo will, dass die Besucher sehen, wie die Tiere leben – und wie sie gefressen werden. Psychologische Strategien verhindern die Identifikation des Menschen mit dem Tier. Das geht manchmal schief.

          Die Kopenhagener Giraffe Marius ist tot, gestorben durch einen Bolzenschuss ins Gehirn, von einem Tierarzt des dänischen Zoos vor Publikum obduziert. Auf Fotos von dem Ereignis sieht man, wie der Tierarzt das Messer an der Brust des Tieres ansetzt, umringt von Zoobesuchern, darunter vielen Kindern im Vor- und Grundschulalter, die nur einen Meter vom Tierkörper entfernt stehen.

          Die Frage, ob es richtig oder falsch ist, überzählige, zur Zucht nicht geeignete Zootiere wie Marius zu schlachten und vor den Augen von Zoobesuchern den Löwen zum Fraß vorzuwerfen, ob es eine Zumutung für die Zuschauer, fragwürdig in ethischer Hinsicht, ein Verstoß gegen die allgemeine Auffassung von Tierschutz gewesen ist – diese Frage wird jetzt in immer neuen Artikeln mit Stellungnahmen von internationalen Wissenschaftlern, Zoodirektoren und -kuratoren beantwortet. Und das Ergebnis ist überraschend.

          Denn plötzlich ist der Schwarze Peter bei den empörten Zoobesuchern und bei den Bürgern, die den Kopenhagener Zoo verurteilten, eine Petition unterzeichneten, Entlassungen forderten. Schon kurz nachdem die Proteste aufkamen, schrieb der dänische Journalist Kristian Madsen von der Tageszeitung „Politiken“ ironisch auf Twitter: „Was glauben die eigentlich, was Löwen an einem Tag ohne solch einen Leckerbissen wie Marius fressen? Rosenkohl?“ Und der Direktor des Zoos Nürnberg, Dag Encke, erinnerte daran, dass Schweine genauso empfindungsfähig seien wie Giraffen und sich niemand an deren Schlachtung in derselben Weise störe, wie es nun im Fall Marius geschehen sei.

          Das Wort „Heuchelei“ machte die Runde, kaum dass die Debatte aufgekommen war. „Dieselben Leute, die morgens in Ruhe ein Schinkenbrötchen verzehren, klicken sich gleichzeitig durch Petitionen, um dem Zoo und seinen Verantwortlichen alle Kompetenz und jedes Mitgefühl abzusprechen“, lautete ein Kommentar im „Südkurier“, der jetzt auch eine Umfrage gestartet hat. Inzwischen haben 82 Prozent der Teilnehmer dieser Umfrage dem Zoo in Kopenhagen ihre Solidarität ausgesprochen; sie finden das Vorgehen richtig.

          Flauschig, süß, menschlich? Das schielende Opossum Heidi aus dem Leipziger Zoo hat sogar eine eigene Homepage Bilderstrecke

          Immer mehr Journalisten und Vertreter von Zoos haben sich in den vergangenen Tagen in ähnlicher Weise geäußert, nicht selten mit spöttischem Unterton denjenigen gegenüber, die sich vom Tod der Giraffe erschüttert gezeigt haben. Mehrere deutsche Zoodirektoren räumten ein, ebenfalls Zootiere zu verfüttern, wenn auch selten so spektakuläre wie Giraffen. Zoos nähmen ihren Bildungsauftrag wahr, indem sie den Verzehr von Wildtieren vor Publikum inszenierten. So werde wichtige Aufklärung geleistet, die man einer falschen „Kuschelromantik“ entgegensetzen müsse, sagte Volker Grün, Kurator im Zoo Duisburg.

          Tatsächlich haben Zoos in der Erfüllung ihres Bildungsauftrags in den vergangenen Jahren weitgehend auf „Kuschelromantik“ verzichtet. Doch auch die brutale Inszenierung des Fressen-und-gefressen-Werdens fehlte. Stattdessen haben die Zoos vor etwa einem Jahrzehnt damit begonnen, ihre Tiere der Öffentlichkeit verstärkt als Identifikationsfiguren zu präsentieren, indem sie die Hierarchien hinter den Käfiggittern unterhaltsam erklärten. In Deutschland markiert den Beginn dieser Phase die Doku-Soap „Elefant, Tiger & Co.“ aus dem Zoo Leipzig, die 2003 ins Fernsehen kam. Die Serie, in denen das Zoopersonal aus dem Privatleben der Tiere plauderte, war eine Idee des MDR, die kurz darauf in anderen Zoos mit Titeln wie „Pinguin, Löwe & Co.“ oder „Giraffe, Erdmännchen & Co.“ imitiert wurde.

          Plötzlich stand man nicht mehr vor einer anonymen Herde Pinguine, wenn man einen Zoo besuchte. Man lernte stattdessen beispielsweise „Sandy“ kennen, einen Pinguin aus dem Allwetterzoo Münster, der sich statt in einen Artgenossen in den Tierpfleger verliebt hatte. Sandys Nachbarn waren nicht minder individuell in ihren Sehnsüchten und ihrem Sexualverhalten: Wir trafen zwei homosexuelle Pinguin-Weibchen, die plötzlich doch ein Küken ausbrüteten. Offenbar war eines der Weibchen mit dem Nachbarn, der wiederum ebenfalls in einer Paarbeziehung lebte, fremdgegangen.

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