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Tibet : Dalai-Rambo

Der Dalai Lama, Ikone des Pazifismus, habe durchaus, so plaudern pensionierte CIA-Leute in einem Dokumentarfilm, auf bewaffneten Widerstand gegen Chinesen gesetzt.

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          Die Zwei-Schwerter-Lehre hat nicht nur im Christentum, sondern auch im Buddhismus Tradition. Geistliches und weltliches Schwert sollen zusammenwirken, um die Welt in Ordnung zu bringen, sprich: vom Kommunismus zu befreien. Papst Johannes Paul II. pflegte connections zur CIA, ohne die der Ostblock nicht so sang- und klanglos zerfallen wäre. Die geheimdienstliche Unterstützung für die polnische Gewerkschaft Solidarnosc ist ein offenes Geheimnis und wurde zuletzt in Karl Bernsteins Buch „Seine Heiligkeit“ beschrieben.

          Die andere Heiligkeit, der Dalai Lama, nahm in seiner Frühzeit ebenfalls die Hilfe der CIA in Anspruch, wie die Dokumentarfilmerin Lisa Cathey in Erinnerung ruft; Ausschnitte ihres demnächst anlaufenden Dokumentarfilms „CIA in Tibet“ sind jetzt unter kefiblog.com zu sehen. In dem Film plaudern pensionierte CIA-Beamte auf Golfplätzen und in Lehnsesseln über die alten Zeiten: Wie es war, damals, in den Fünfzigern und Sechzigern, als in Lagern in Colorado tibetische Widerstandskämpfer in Waffenkunde, Funktechnik und Guerilla-Strategie ausbildet wurden, um hernach im chinesisch besetzten Tibet Chinesen zu töten. Beim Töten von Tieren habe man gebetet, nicht aber beim Töten von Chinesen, erklärt im Film ein früherer Widerstandskämpfer.

          Heute steht fest: Der Dalai Lama, Ikone des Pazifismus, setzte - gewiss widerstrebend - auf den bewaffneten Widerstand, solange dieser von den Amerikanern gesponsert wurde. Mit Billigung des religiösen Oberhauptes kämpfte eine tibetische Spezialeinheit der indischen Armee 1971 gegen das heutige Bangladesch. Ein Jahr später nahm der Dalai Lama als Ehrengast einer militärischen Zeremonie in Indien teil, wo den kämpfenden Tibetern Tapferkeitsmedaillen verliehen wurden. Die waffenstarrenden Fotos, die bei diesem Anlass vom Dalai Lama gemacht wurden, könnte man heute für Titelblätter der „Titanic“ halten. Zwei seiner Brüder waren die Kontaktleute zum CIA und wussten um die Einzelheiten des tibetischen Guerillakampfes. „Meine Brüder hielten es für weise, diese Informationen von mir fernzuhalten“, heißt es in der Autobiographie des Dalai Lama, was wiederum als weise Selbstauskunft eines Friedfertigen gelten kann, der nach Gewaltspuren in zweischneidiger Frühzeit gefragt wird.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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