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Thomas Pynchon : Inherent Voice

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Wer spricht? Thomas Pynchon, der große Unbekannte, mit eigener, von einem Stimmenerkennungsexperten zweifelsfrei zugeordneter Stimme auf einem Werbefilm zu seinem neuen Roman „Inherent Vice“. Und warum soll uns das kümmern?

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          Die Stimme stimmt. Das erklärt sich grammatologisch. Eine Stimme kann nicht nicht stimmen, mal so watzlawickisch hingesagt. Darin besteht ihre Macht und ihr Mangel. Hören und Hörigkeit liegen nah beieinander. Aber das soll keine Glosse über Phonozentrismus werden, der spätestens mit der elektroakustischen Wende ein Autoritätsproblem und allerspätestens mit Jacques Derrida einen ernstzunehmenden Gegner bekam. Entkoppelung von Stimme und Körper sowie Rehabilitation der vieldeutigen Schrift über das Spurenlesen, kurz: Die Stimme hat schon bessere Tage gesehen. Welche Abstimmung läuft denn noch über Gebrüll? Und selbst der oberste Muskelprotz, der Hänfling Hiob noch drohen konnte: „Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme?“, muss sich heute mit Lautsprechersystemen abfinden, die das kläglichste Piepsen auf Gewitterlautstärke bringen.

          Wer spricht?

          Und doch bringt im großen Buchstabensuppenkasperletheater „His Master’s Voice“ hier und da ein fröhlich Urständchen. So kam im „Wall Street Journal“ soeben ein Stimmenerkennungsexperte nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss: Die Stimme stimmt. Untersucht hatte er das kleine, nun ja: stimmungsvolle Werbefilmchen für Thomas Pynchons Roman „Inherent Vice“ auf der englischen Amazon-Website und geschlossen, der da so unaussprechlich lässig spreche, müsse der Meister selbst sein. Derrida hätte vermutlich grinsend darauf hingewiesen, was die romaninhärente Stimme da sagt: „Oh my name, ehm, my name is Doc.“ Und Derridas Studenten hätten gesagt, dass Pynchons Stimme doch ohnehin das Einzige an Pynchon sei, was kein Geheimnis darstelle.

          Tatsächlich hat der Experte die Stimme einfach mit jener aus dem legendären Papiertüte-über-gelbem-Gesicht-Auftritt bei den Simpsons verglichen. Uns erinnert Doc Sportellos Stimme nicht weniger an die von Ron McLarty, der das Hörbuch zu „Inherent Vice“ eingesprochen hat. Einen solch dümmlichen Einwand sahen die Phonozentriker natürlich voraus und griffen prophylaktisch zu ihrer Wunderwaffe, dem Telefonhörer. Pynchons Verlag, Penguin in Amerika, habe die Vermutung bestätigt, heißt es. Ja was? Kennt bei Penguin denn jeder Pynchons Stimme (außer dem Lektor, der womöglich selbst Pynchon ist)? Und würde man sich um eine solche Werbung bringen? Da halten wir es doch lieber mit Beckett und Foucault: „Wen kümmert’s, wer spricht?“ Oder noch einfacher: Jede Stimme zählt!

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