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Meineckes „Plattenspieler“ : Um Geschmack geht es praktisch gar nicht

Jochen Distelmeyer mit seiner Band Blumfeld Bild: Nedden

Kunst, die sich selbst im Augenblick der Herstellung zum Gegenstand macht: Thomas Meinecke und Jochen Distelmeyer legen im Berliner Hebbel am Ufer Platten auf und sprechen darüber. „All Night Long“ ist nicht genug.

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          Thomas Meinecke und Jochen Distelmeyer: zwei Musiker, zwei Schriftsteller, der eine hat 1980 in München F.S.K. gegründet, der andere 1990 Blumfeld in Hamburg, beide Gruppen sind für die Popmusik der Bundesrepublik prägend gewesen – indem sie die Grenzen zwischen Theorie und Praxis der Kunst aufhoben und das immer auch zur Sprache brachten. Kunst, die sich selbst im Augenblick der Herstellung zum eigenen Gegenstand macht: Das verbindet die beiden an Instrumenten wie auf Papier. Jetzt aber sitzen Meinecke und Distelmeyer auf der Bühne im Berliner Hebbel am Ufer vor Abspielgeräten, legen sich und dem Publikum Songs auf und reden darüber: „Plattenspieler“ heißt dieses Format, das Meinecke seit gut zehn Jahren betreibt; der Maler Daniel Richter und die Schriftstellerin Helene Hegemann sind schon einmal hier gewesen, die Musikerin Gudrun Gut, die Schauspielerin Julia Hummer, und immer geht es darum, aus wechselseitig gespielten Stücken eine spontan sich in alle möglichen Richtungen vervielfältigende Geschichte zu erzählen – und diesen Richtungen zu folgen.

          Thomas Meinecke

          Aber weil nichts abgesprochen ist und Gastgeber wie Gäste auf das reagieren, was der eine oder die andere eben aufgelegt hat, geht es vor allem um die Verweis- und Assoziationskraft, die Musik im direkten Aufprall entfaltet, um die Geräusche, die das macht: Was haben die deutschen Punks von Hans-a-Plast (Distelmeyer) mit den schottischen Poppern The Associates (Meinecke) zu tun? Wie verhalten sich die Sängerinnnen Billie Eilish (Distelmeyer) und FKA Twigs (Meinecke) zueinander?

          Um Geschmack geht es so gut wie gar nicht: Meinecke sagt zwar, dass er „Águas de Março“ von Antonio Carlos Jobim, das Distelmeyer in der englischen Version spielt, für das Größte überhaupt hält, Distelmeyer wiederum sagt das Gleiche über Ella Fitzgerald: Aber vor allem offenbart sich in dem, wie die beiden über Musik reden, was sie bei aller Gemeinsamkeit unterscheidet.

          Distelmeyer, der Sänger und Dichter von „Tausend Tränen tief“ und „Verstärker“, beschwört immer wieder einen nicht weiter teilbaren Rest, der seine Magie selbst erklärt, ohne sie in Worte fassen zu können: „Das ist Musik“, sagt er, so wie Franck Ribéry nach einem Spiel des FC Bayern „Das ist Fußball“ sagt, als sei damit wirklich alles gesagt über die Zauberei, die sich gerade vor unseren Augen und Ohren abgespielt hat.

          Meinecke dagegen, dessen komplexe Romane wie „Tomboy“ sich schon immer um Fragen von Identität und Repräsentation drehen, ist am Uneigentlichen interessiert, am ausgestellten Fehler und bewussten Bruch. Beide verstehen, was der andere meint, ohne allzu weit folgen zu wollen. Zwei kluge, lustige Stunden lang geht das so. Dann legt Distelmeyer noch „All Night Long“ von Lionel Richie auf – und man geht pfeifend in diese Nacht, mit lauter neuen Lieblingsliedern, tausend Fragen tief.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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