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Hannes Hintermeier (hhm)

Streit der Katholiken : Kleine Herde

Er quittierte seinen Job als Priester und zog ins Kloster: Thomas Frings vor seiner ehemaligen Kirche in Münster. Bild: dpa

Wie viel Welt verträgt die Kirche? Unter den Katholiken spitzt sich ein Streit über die Zukunftstauglichkeit der Gemeinden zu. Der ehemalige Priester Thomas Frings sieht schwarz und wirbt für eine „Entscheidungsgemeinde“.

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          Das Verb „fringsen“ ist als Echo der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute lebendig, nicht nur in Köln, wo Josef Kardinal Frings in der Silvesterpredigt 1946 den Kohlenklau notleidender Menschen als überlebensnotwendig entschuldigte. Mit dieser moralischen Unterstützung versehen, sprach man beim Diebstahl von Briketts oder Lebensmitteln bald von „fringsen“.

          Siebzig Jahre später hat ein Großneffe des Kardinals möglicherweise eine weitere Bedeutungsebene hinzugefügt: Thomas Frings verließ Ostern 2016 nach dreißig Dienstjahren als Priester der katholischen Kirche sein Pfarrhaus in Münster und ging ins Kloster in die Niederlande. Der Schritt, den er in einem Thesenpapier als „?Kurskorrektur!“ begründete, erregte Aufsehen. Dieses setzt sich nun fort, weil soeben die zu einem Buch ausgebaute Schrift unter dem Titel „Aus, Amen, Ende?“ erschienen ist. Das Cover wirbt marktschreierisch „Mit Ideen für eine Kirche der Zukunft“. Frings erzählt von seinen zermürbenden Erfahrungen mit Gemeindemitgliedern und Kirchenoberen. Dazu zählen liturgisches Fehlverhalten (Kaugummi, Basecaps), Beharrungsdrang („Haben wir schon immer so gemacht“) sowie Missbrauch von Sakramenten zu Showeffekten (Erstkommunion als Voodoo-Zauber, Kirchenaustritt wenige Tage nach der Hochzeit). Hinzu kam die Befürchtung angesichts des eklatanten Priestermangels, keinen Nachfolger mehr zu bekommen. Er wolle nicht derjenige sein, der das Licht ausmache.

          Sein Auswegmodell heißt „Entscheidungsgemeinde“. In dieser sollen sich neben den Überzeugten auch Ungläubige und Nichtgetaufte aufgenommen fühlen, sie müsse nicht territorial an eine bestimmte Kirche gebunden sein, es zähle „allein der Wunsch, Teil dieser Gemeinde zu sein“. Und Gottesdienst werde erst gefeiert, wenn die Kirche voll sei. Es habe auch heftige Reaktionen gegeben, berichtet Frings. Ein Kollege habe ihm gesagt, es wäre besser für alle gewesen, wenn er geheiratet hätte: „Der Zölibat und der Bischof wären schuld, und wir könnten weitermachen wie bisher.“ Andere diagnostizierten einen Burnout oder nannten Frings eine Drama-Queen.

          Beschuss kam am Mittwoch auch vom Frontmann der organisierten Katholiken: Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Münsteraner CDU-Abgeordneter, nannte es im Deutschlandfunk „völligen Unsinn“, dass Frings sich über wachsende Service-Ansprüche der Kundschaft errege. Er brach stattdessen eine Lanze für die „bürgerliche Lebensereignisfeier“, womit er die Erstkommunion meinte. Nur ein vermehrter Einsatz von Laien und verheirateten Priestern könne die katastrophale Lage abmildern. „Wer sagt uns, dass diese liturgischen Dinge so entscheidend – natürlich sind sie entscheidend –, so wichtig sind, dass alles andere dahinter grundsätzlich zurücktreten muss?“ Der Satz verrät, wie tief das Dilemma ist, aus dem Thomas Frings einen Ausweg gesucht hat.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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