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Singen im Augsburger Dom : Kultur betet

  • -Aktualisiert am

Thomas E. Bauer, Bariton und Intendant des Konzerthauses Blaibach, bringt in Augsburg „Palestrina - A Global Prayer for the People“ auf den Weg. Bild: Marco Borggreve

Konzerte sind verboten, aber Gottesdienste erlaubt. Statt zu jammern, lässt der Bariton Thomas E. Bauer im Dom zu Augsburg einfach einen Tag lang Messen singen: „Palestrina - A Global Prayer for the People“. Der Bischof und der Domkapellmeister sind die Verbündeten der Sänger.

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          Der Kulturbetrieb schnappt gerade nach Luft, einmal aus Not, vor allem aber aus Empörung, „dass Stätten der Kultur und Bildung unter dienstleistende Vergnügungs- und Freizeitveranstaltungen eingeordnet und den gleichen Verboten und Vorschriften wie Spielhallen, Wettannahmestellen, Fitness-Studios, Spaßbäder und Bordelle unterworfen werden“, wie es in einer Protestnote der Bayerischen Akademie der schönen Künste heißt. Gerald Fauth, der Rektor der Leipziger Musikhochschule, ließ die Bundeskanzlerin in einem offenen Brief wissen, wie sehr ihn diese „sprachliche Unsensibilität entsetzt hat“. Während Fauth ausruft: „Wo sind wir hingekommen? Wo sind unsere wahren, höchsten Werte?“, macht sich der Bariton Thomas E. Bauer einfach ans Handeln. Konzerte sind zwar verboten, Gottesdienste aber erlaubt, dachte er sich. Wenn man das öffentliche Singen als Gebet verstehen würde, wäre es also weiterhin möglich.

          In Stefan Steinemann, dem Augsburger Domkapellmeister, und in Bertram Meier, dem Augsburger Bischof, fand er Unterstützer für sein ungewöhnliches Vorhaben: Von Freitagabend, sechs Uhr an, werden etwa 45 Sänger im Schichtsystem ununterbrochen 24 Stunden lang singen – und zwar Messen von Giovanni Pierluigi da Palestrina, der einer Legende nach durch seine Kunst beim Tridentiner Konzil 1563 das totale Verbot der Kirchenmusik verhindert haben soll. „Man singt so etwa eine bis anderthalb Stunden, schläft dann sechs Stunden, singt dann noch mal. Es gibt einen harten Kern von Sängern, die alle drei bis vier Stunden singen“, erzählt Bauer. Der Bischof selbst wird das Ganze geistlich begleiten; auf idagio.com kann man alles kostenlos per Livestream verfolgen.

          In einer Zeit, da viele Kirchen zu Kulturhäusern umgewidmet werden, wandelt sich hier die zum Kulturgut gewordene geistliche Musik wieder zurück zum Gebet und flieht vor der jäh gefürchteten Nähe zum Bordell in die Kirche. Die schenkt ihr derzeit nicht nur Luft zum Atmen, sie lindert auch die Not: In Frankfurt am Main stellt die katholische Kirche jeder Pfarrei 1250 Euro zur Verfügung, wenn sie freiberufliche Künstler der Stadt bei der Gestaltung von Gottesdiensten beschäftigt.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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