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Thilo Sarrazin zur Treuhand : Neue Nachricht vom Planeten des Bösen

  • -Aktualisiert am

Weiß alles – auch, wie die DDR sich abgeschafft hat: Thilo Sarrazin Bild: dpa

Die Treuhandanstalt ist nicht totzukriegen. Gewohnt provokant versuchte es diesmal Thilo Sarrazin bei einer Buchpräsentation in Berlin. Die alten Ostkader machten sich rar.

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          In linken Kreisen wird gern erzählt, dass man sich das Pensionärsdasein der Präsidentin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, ein wenig so vorzustellen habe wie das von Margaret Thatcher. Ähnlich einsam und abgeschieden und von Staatsmützen bewacht, lebe sie in niedersächsischer Zurückgezogenheit. Keinen Schritt könne sie tun, ohne Angst vor aufgebrachten Abgewickelten aus dem Osten haben zu müssen. Das Schicksal einer kaltherzigen Neoliberalen, die nach der Ermordung des Sanierers Detlev Karsten Rohwedder ins Amt kam, wird so düster ausgemalt wie die glorreiche DDR-Wirtschaft immer heller strahlt, seit sie von der Treuhandanstalt notoperiert wurde.

          Seit Jahren wird darüber gestritten, ob der Apfel wirklich faul war oder nur ein paar Druckstellen hatte. Breuel & Co. gelten als Sendboten des Raubtierkapitalismus, die gekommen waren, um Konkurrenz vom Markt zu fegen und allenfalls verlängerte Werkbänke aufzubauen. Ganze Bücherregale lassen sich inzwischen mit Kriminalliteratur über diese Anstalt füllen, die außerhalb parlamentarischer Kontrolle stand und der immer größere Husarenstücke zugeschrieben werden. Dirk Laabs hat jetzt im Pantheon-Verlag einen neuerlichen Versuch unternommen, trotz gesperrter Akten die „wahre Geschichte“ aufzuschreiben, und bedient mit dem Titel „Der deutsche Goldrausch“ wieder diejenigen, die wirklich noch glauben, die DDR habe zu den zehn führenden Industrieländern gehört und sei von westdeutschen Glücksrittern gnadenlos ausgeplündert worden. Das Buch wurde nun bei einer Podiumsdiskussion im Berliner „dbb forum“ vorgestellt.

          Kein Aufschrei im Saal

          Eigentlich wäre es ja mal an der Zeit, dass bei der Präsentation von Treuhandbüchern die verantwortlichen Staatslenker auf dem Podium säßen, die die DDR in die Grütze navigierten, und nicht immer die, die in Windeseile alles auszubaden hatten. Weil dem nicht so ist, sind diesmal Thilo Sarrazin und Detlef Scheunert gekommen. Der eine wachte im Bundesfinanzministerium über die Treuhand, der andere war der einzige Treuhand-Direktor aus dem Osten. In Bonn hatte Sarrazin vor der ersten freien Volkskammerwahl in einem Fünf-Zeilen-Vermerk errechnet, dass der wirtschaftliche Wert des Produktiveigentums negativ sei und es 150 Milliarden DM jährlich an Staatsbeteiligung brauchen würde, um den Kapitalstock der DDR aufzufüllen, vorausgesetzt, die westdeutsche Wirtschaft würde weiter wachsen.

          Ein Eisbecher-Papierschirmchen, verglichen mit der Dimension heutiger Rettungszelte. Der damalige Finanzstaatssekretär Horst Köhler ahnte, dass der um einen Wahlsieg ringenden Kanzlerbrigade ein solches Papier nicht zuzumuten wäre. Hinter verschlossenen Türen fiel sein Satz, der in Ostdeutschland gern bemüht wird, wenn von der sozialen Kälte des Westens gesprochen wird: „Es muss auch mal gestorben werden.“ Sarrazin nennt es drastischer eine „Notschlachtung“. Vergleichbar mit dem „Keulen von Schweinen“. Kein Aufschrei im Saal. Und fügt hinzu, dass es natürlich Ganoven gegeben habe, die ihre Schöpfkellen in die Geldströme gehalten hätten. Aber das sei eben Geld aus dem Westen gewesen.

          Alles ein Vermittlungsproblem

          Der Abend kreist um Zahlen und Modelle und vermeintliche Alternativen, während sich der Autor immer wieder um die Demokratie, die ostdeutsche Seele und das unterentwickelte Verständnis für das gemeinsame Land sorgt. Wahrscheinlich hat die Treuhand die Emanzipationsbewegung der Ostdeutschen gebremst. Vielleicht würde heute das Verantwortungsbewusstsein stärker ausgeprägt, hätte es Beteiligungen am Eigentum gegeben. Doch wäre eine Ausgabe von Anteilscheinen an Betrieben wirklich die Lösung gewesen? Vermittelt übrigens vom Lutherischen Weltbund, wie die zwei Urväter dieser Treuhandidee, Naturwissenschaftler aus Babelsberg, an dem Abend deutlich machen? Und was wäre passiert, wenn diese Scheine über Nacht an Wert verloren hätten? Scheunert ist sicher, dass dann wohl jeden Tag die Luft gebrannt hätte - die Betriebe hätten ohnehin vor dem Kollaps gestanden: „Die Situation der DDR-Wirtschaft war vergleichbar mit der Dritten Welt. Wir waren kurz davor, den Sack zuzumachen.“

          Der Auftritt der letzten kommunistischen DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft macht dann deutlich, dass die Treuhand noch lange als Planet des Bösen taugen muss, um der Linkspartei die Existenz zu sichern. Frau Luft hat nämlich errechnet, dass die Privatvermögen in Nordrhein-Westfalen zwischen 1991 und 1993 um vierzig Prozent gestiegen seien. Was natürlich mit dem Ausbluten der DDR zu tun haben muss. So geht an diesem Abend jeder mit seiner eigenen Wahrheit nach Hause, und dabei würde das Thema so viel Nachdenken ermöglichen. Vor allem darüber, wie es möglich war, emotionalen Aufschwung zu versprechen, ohne über die wirtschaftliche Basis zu reden. So lässt sich trefflich über entwertete Biographien in Richtung Westen schimpfen, während die wahren Entwerter unbehelligt bleiben. Es ist letztlich alles ein Vermittlungsproblem geblieben. Und das ist ja heute auch nicht anders.

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