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Thielemann in Dresden : Ohne Zukunft

  • -Aktualisiert am

Peter Theiler (links) und Christian Thielemann am 3. März 2020 auf einer Pressekonferenz der Semperoper Dresden Bild: dpa

Die Verträge des Chefdirigenten Christian Thielemann und des Intendanten Peter Theiler an der Semperoper Dresden sollen 2024 enden. Die Regierung Sachsens hat eigene Pläne. Auf die jetzige Führung wirft sie damit kein gutes Licht.

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          Nur einen Tag nachdem an der Dresdner Semperoper „Capriccio“ von Richard Strauss unter Christian Thielemanns Dirigat für einen Stream aufgezeichnet wurde, um zu Pfingsten gesendet zu werden, gab der Freistaat Sachsen bekannt, den bestehenden Vertrag mit Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle nicht über den Sommer 2024 hinaus verlängern zu wollen (F.A.Z. vom 10. Mai). Der Vertrag des amtierenden Intendanten Peter Theiler wurde lediglich um ein Jahr verlängert, sodass Intendant und Chefdirigent gemeinsam aufhören werden.

          Die Nachricht schlug in der internationalen Musikwelt wie eine Bombe ein und ist nun Auslöser für allerlei Mutmaßungen. Auf die Mitwirkenden der „Capriccio“-Premiere soll die Nachricht schockierend gewirkt haben; der Orchestervorstand der Staatskapelle war gestern zur keiner Stellungnahme bereit; Peter Theiler dankte lediglich für das Vertrauen, ein Jahr länger als geplant das Haus führen zu dürfen. In der Mitteilung der sächsischen Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) liest man etwas von der „Chance, einen neuen Chefdirigenten oder eine Chefdirigentin zu berufen“, wenn es 2024 eine neue Intendanz gibt. Die Rede ist von „zeitgemäßen Interpretationen von Musiktheater und konzertanten Werken“, von neuen Zielgruppen und digitalen Angeboten, die man sich in einer Perspektive „Semper 2030“ für die Oper wünsche. Daneben steht die Anerkennung einer erfolgreichen Intendanz Theilers und eines guten Jahrzehnts mit Thielemann.

          Der Widerspruch befremdet. Wenn die erst im Jahr 2018 begonnene Intendanz Theilers so erfolgreich ist und Thielemanns zehn Jahre beim Orchester gute waren, warum will man dann in drei Jahren wechseln? Lange Amtszeiten von Dirigenten an der Spitze eines Opernhauses sind nichts Seltenes: Antonio Pappano steht in London seit zwanzig Jahren an der Spitze, Daniel Barenboim in Berlin seit dreißig. Christian Thielemanns Strahlkraft als überragender Dirigent der Werke von Wagner, Strauss, Pfitzner, auch der Symphonik von Schumann, Bruckner und Mahler ist in heutigen Zeiten abnehmender Markenprägnanz und erschwerter Starbildung in der klassischen Musik ein Kapital, das kein Haus leichtfertig aufs Spiel setzen sollte, wenn es sich in einem internationalen Wettbewerb sieht. Barbara Klepsch hebt auch hervor, dass sie Thielemann am Haus und beim Orchester halten möchte – in veränderter Funktion oder mit einem auf ihn zugeschnittenen Festival.

          Dennoch stellt sich bei diesem Vorgehen der Verdacht ein, dass der Politik vor lauter Sehnsucht nach Digitalisierung, Jugend, neuen Formaten, Diversität, Bürgernähe und Inklusion die musikalische Exzellenz allein nicht mehr genügt. Oder aber, dass dies alles sich unter der Leitung von Thielemann und Theiler auf lange Sicht nicht verbinden ließe. Jedenfalls wirkt dieser Beschluss wie ein Attest über mangelnde Team- und Zukunftsfähigkeit, das Spekulationen befeuert und beide, den Intendanten wie den Chefdirigenten, beschädigt.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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