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Interview mit Kardinal Kasper : „Das Evangelium überrascht immer wieder“

Walter Kardinal Kasper Bild: Francesco Pistilli/KNA

Reform dürfte für die Kirche von ihren Anfängen her eigentlich kein Fremdwort sein. Doch kann man einfach so drauflos reformieren? Oder ist man an Kriterien gebunden – und wenn ja, an welche?

          7 Min.

          Herr Kardinal, die Kirche hat sich ja immer schon als eine zu reformierende verstanden, „semper reformanda“. Doch täuscht der Eindruck, oder ist der gegenwärtige Kirchenreformdiskurs in ganz erstaunlichem Maße von theologischer Ignoranz geprägt, von einer Ad-hoc-Kriteriologie, nach der man sich die Dinge aktualistisch zurechtbiegen möchte?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ich will nicht gleich im ersten Satz mit Polemik beginnen, sondern erst einmal festhalten, dass ich den gegenwärtigen Kirchenreformdiskurs grundsätzlich und von der Situation her für dringend geboten halte. Die Kirche steckt in der gesamten westlichen Welt in einer Krise. Noch dazu hat der Missbrauchsskandal die Glaubwürdigkeit der Kirche, insbesondere ihrer Amtsträger, bei vielen tief erschüttert. Die Kirche hat keine andere Wahl, als sich einem Reformdiskurs zu stellen und die Krise als einen Kairós, das heißt als Chance eines Neuanfangs und einer Erneuerung, zu begreifen. Natürlich kann man die Worte Neuanfang und Erneuerung, wie alles, auch falsch verstehen, indem man Neuanfang als Neuerung versteht, die das Alte über Bord wirft und meint, die Kirche neu erfinden zu müssen. Wenn man ihr, statt sie neu zu profilieren, alle Ecken und Kanten abschleift und sie gegenwärtigen Plausibilitäten anpasst oder die Pandemie-Krise für seine eigenen, meist gar nicht so neuen Ideen instrumentalisiert. Das bezeichne ich als Scheinaktualismus, der die Kirche nicht neu attraktiv, sondern letztlich „gleichgültig“ macht. Wer vom Evangelium auch nur etwas verstanden hat, wird wissen, dass es immer ein Stachel im Fleisch sein wird und sein muss.

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