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Theodor-Eschenburg-Preis : Augenwischerei

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Welche Rolle spielte Theodor Eschenburg im NS-Staat? Die Deutsche Vereinigung der Politikwissenschaftler hat soeben einen Preis abgeschafft, der seinen Namen trägt. Ein denkbar unehrlicher Beschluss.

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          Die Deutsche Vereinigung der Politikwissenschaftler hat soeben entschieden, ihre Vergabe des Theodor-Eschenburg-Preises einzustellen. Ihn hatte sie seit 2003 für ein wissenschaftliches Lebenswerk vergeben. Vorangegangen waren dieser Abschaffung Debatten über das Verhalten des Namensgebers in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft.

          Eschenburg, Jahrgang 1904, war zuvor ein junger liberal-konservativer Politiker der Weimarer Republik gewesen und hatte von Juli 1933 an eine Rechtsanwaltskanzlei zusammen mit einem jüdischen Kollegen geführt. 1933 war er in die „Motor-SS“ eingetreten und später auch als Verbandsfunktionär an einem „Arisierungsverfahren“ gegenüber einer Kunststofffabrik beteiligt. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll er gegenüber dem zu hoher Machtstellung im Kanzleramt gelangten ehemaligen Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, zu verbindlich gewesen sein.

          Und die wollen uns erzählen, worum es in der Politik geht!

          Die Gutachten, die sich mit Eschenburgs Rolle im NS-Staat befassten, waren widersprüchlich und uneindeutig, das letzte Wort in der Sache ist nicht gesprochen. Aber die vorletzten Worte wurden immer hitziger. Es gab Austrittsdrohungen, sollte der Preis umbenannt werden, und es gab, wie immer in solchen Debatten, manchen Beitrag, der den Eindruck hinterließ, dass hier auch noch andere Rechnungen beglichen werden sollten: Generationenrechnungen, Vorgesetztenrechnungen, politische Rechnungen.

          Der jetzt getroffene Beschluss ist denkbar unehrlich. Man hat nicht die Nerven, zu einem Urteil zu kommen, scheut den Konflikt, will aber auch nicht von der eigenen Position herunter, Eschenburg sei als Namensgeber untragbar. Ach, das sind die Leute, die uns erzählen wollen, worum es in der Politik geht! Offenbar geht es vor allem um Augenwischerei. Denn dem Preis wird vom Vorstand des Politologenvereins in seiner Begründung nun nachträglich die Funktion unterschoben, er habe für das Fach und die Vereinigung „integrierend wirken“ sollen.

          Ersichtlich geschieht das aber nur, damit sich jetzt sagen lässt: Das könne er ja nun angesichts des Streits nicht mehr. Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, wie viel sozialwissenschaftlicher Verstand in den Köpfen von Leuten ist, die glauben, durch Preise Fächer zu integrieren: Glauben sie denn, dass sich ein Fach durch Feigheit integrieren lässt? Dass es gerade Konflikte sind, die integrieren, weiß man eigentlich seit Georg Simmel, aber das war natürlich ein Soziologe und kein Verbandsfunktionär. Eine abschließende Beurteilung Eschenburgs, heißt es ziemlich verlogen, sei mit diesem Beschluss nicht verbunden. Aber eine vorläufige Beurteilung dieses Politologenclubs ist es schon.

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