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Zukunft des Buchmarkts : Gründet endlich den Gegenkonzern!

  • -Aktualisiert am

Auch so kann ein Buchladen aussehen: Blick in den El Ateneo Bookstore in Buenos Aires Bild: AFP

Die Macht der großen Buchhandelsketten muss gebrochen werden. Die deutschsprachigen Verlage sollten eine eigene Kette gründen. Ein weitgehender Vorschlag des Schriftstellers Ulf Erdmann Ziegler, der eine ganze Branche verändern würde.

          Bis vor wenigen Jahren schien es, als wäre der deutsche Buchhandel gefährdet. Jetzt zeigt sich: Gefährdet sind die Verlage. Der Konzernbuchhandel ignoriert nicht nur, ja er bekämpft geradezu ihre Programme und damit deren Verankerung in der Gesellschaft, das Wissen, die Vielfalt der Arten. Welcher Verlag noch im Sortiment ist, wird kaltblütig erpresst, der Dienste der anderen bedient man sich über die phantastischen deutschen Liefersysteme, nach dem Motto „Was wollen Sie denn, es gibt doch alles!“

          Gibt es aber nicht. Alles wird auf Minimum gefahren, die zeitgenössischen Autoren, die Neuerscheinungen, die Klassiker; von Geistes- und Sozialwissenschaften, von Kunst- und Kinderbuch nur noch Relikte, das, was Medienspekulanten für gängig halten. Die Forderungen an die Verlage sind längst jenseits von Verstand und Verständnis, jenseits dessen, was der Gesetzgeber zulässt. Der Konzernbuchhandel macht sich breit, auch in mittleren Städten. Die Margen des Buchhandels, auch im Kleinen, sind selbst nach herkömmlichen Maßstäben so luxuriös - man kann auch alles zurückgeben! -, dass sich neben den Tempeln, in denen es nichts gibt, was irgend von Interesse wäre, manche gutsortierte Nischenbuchhändler halten können.

          Drei Modelle für die Zukunft

          Denn das Publikum ist nicht dumm. Aber es schrumpft. Die Verlage erreichen von ihrem potentiellen Publikum nur mehr einen Teil. Die Programme, und darunter die besten, sind in Gefahr. Die deutschsprachigen Literatur- und Sachbuchverlage sollten sich zusammentun. Schließlich sind manche Verlage - einst Cotta, Wasmuth, Heckenauer, zuletzt Liebeskind - aus Buchhandlungen gewachsen, „Verlagsbuchhandlungen“; selbst die Erstauflage des „Ulysses“ wurde von einer Buchhändlerin gedruckt. Verlage wie Suhrkamp oder dtv oder Diogenes könnten allein aus ihrer Backlist eigene „flagship stores“ bestücken. Lothar Schirmer, der Bildbandverleger, bestreitet seit Jahren einen „Showroom“ allein aus seinem Programm, und die Schwabinger Traditionsbuchhandlung Lehmkuhl wurde von Verlegern übernommen, den Brüdern Hans Dieter und Wolfgang Beck.

          Drei Modelle bieten sich an für die Verlagsbuchhandlungen der Zukunft. Erstens der flagship store; zweitens das privat geführte Geschäft mit Ketten-Signet; drittens das Buchkaufhaus. Alle sollten im gleichen System aufgehen, ähnliche Privilegien genießen, die Gegenmacht zu den Konzernbuchläden bilden. Das darf nicht still und leise vor sich gehen, sondern muss mit großer Bestimmtheit durchgeführt werden. Die Leserinnen und Leser werden den Unterschied zu schätzen wissen.

          Vom Buchladen zum Buchkaufhaus

          Die Buchpreisbindung, die Vierundzwanzig-Stunden-Liefersysteme, die tägliche Kritik im Feuilleton: All das hat Autoren, Verlegern, Händlern und Lesern Sicherheit verschafft - oder sollte man sagen suggeriert? Der Deutsche Buchpreis hat noch einmal ein bisschen Medienzauber drübergelegt, tatsächlich aber das Signal gegeben, dass Buchhändler glauben, sich im umfangreichen literarischen Programm des Herbstes nicht mehr selbst orientieren zu müssen. Die Rolle der Vertreter ist geschwächt. Sie wissen Bescheid, aber sie reden gegen Wände. Eine Kette wie Thalia empfängt sie gar nicht mehr.

          Tatsächlich wäre das Buchkaufhaus eine Alternative zum Buchladen mit zwei Fenstern und einer Tür. Irgendwie geht es nicht mehr ohne Café, Zeitungen und Zeitschriften, Leseecken, Hörbuch-, Landkarten- und Musikabteilung. Dafür braucht es Kapital. Aber es bringt auch Umsatz. Hier sollten die Verleger als Betreiber von Verlagsbuchhandlungen als Erstes tätig werden. Sie sollten den Ketten Konkurrenz machen. Sie sollten gemeinsame Verlagsbuchhandlungen als Kaufhäuser begründen.

          Programm der Vielfalt

          Es sollten alle Verlage dabei sein, die noch an ihre eigene Zukunft glauben. Zählt man die Verlage, die zwar alte Namen tragen, aber zu Konzernen gehören (Rowohlt, S. Fischer, Luchterhand), die unabhängigen mittelständischen Verlage (Suhrkamp, Hanser), die kleineren Mittelständler wie Wallstein oder Nautilus, aber auch die Upstarts wie Kookbooks, Weissbooks oder Voland & Quist, kommt man bereits auf über dreißig Verlage. Nimmt man die wichtigeren Kinderbuchverlage hinzu, die Kunstbuchverlage, Hörbuch, Kochbuch, Recht, Medizin, Religion, Pädagogik und Naturwissenschaft, liegt die Zahl vielleicht bei fünfzig bis hundert. Das wäre eine gute Stärke, um ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. Ein Türwächterstatut gehört gewiss dazu, damit nicht die Bestsellerelefanten hineinmarschieren und alles zertrampeln. Nicht ganz leicht wird es sein, Buchhandelskonzerne zu überreden, nur mit ihren Programmverlagen beizutreten. Auch sollten keine Verlage dabei sein, die davon leben, dass Autoren bei ihnen drucken lassen. Ob man die Schweizer und Österreicher einbinden kann? Man sollte es auf jeden Fall versuchen. Die gemeinsame Basis sollte sein, dass alle Verlage an eigenen Programmen arbeiten, die auf Vielfalt basieren - Programme, die von Lektoren entworfen und betreut werden und nicht einfach von Händlern eingekaufte Titel sind. Die Formel wird sich finden lassen.

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