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Wutausbruch in Klagenfurt : Tod eines Schülers

  • -Aktualisiert am

Las Kärnten die Leviten: Josef Winkler Bild: Marcus Kaufhold

Clash der Kulturen, made in Austria: Zum Auftakt des Bachmann-Wettbewerbs schockiert der Büchner-Preisträger Josef Winkler die Klagenfurter Lokalprominenz mit einer fulminanten Attacke gegen die Mächtigen Kärntens.

          Die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur am Mittwochabend in Klagenfurt begannen mit einem Paukenschlag, der noch in vielen Gesprächen widerhallte, als die offizielle Begrüßungszeremonie im ORF-Theater längst beendet war. Gerechnet hatte man offenbar nicht damit, dass der Klagenfurter Autor und Büchnerpreis-Träger des Jahres 2008 Josef Winkler in seiner Eröffnungsrede zum politischen Rundumschlag gegen Klagenfurt und das Land Kärnten ausholen würde.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Honoratioren in der ersten Reihe, neben der Witwe Jörg Haiders auch Vertreter vom Bund Zukunft Österreich, jener von Haider gegründeten Partei, die bei der letzten Wahl vierzig Prozent erhielt, wurden blass um die Nase, als der ganz in Rot gekleidete Winkler zu großer grimmiger Form auflief.

          Dabei hatte der Abend so harmlos begonnen, von der Öffnung des Wettbewerbs Richtung Europa war die Rede und von der Frage, wie die Literatur wohl die Themen unserer Tage aufgreifen werde, vom neuen amerikanischen Präsidenten über die Proteste in Iran bis zur Weltwirtschaftskrise. Der Finanz- und Kulturreferent Albert Gunzer hatte den „besonderen Stellenwert“ der Literatur einzig darin erkannt, dass Lesen vom täglichen „Stress“ ablenke. Den Zugang in eine „andere Welt“, den sie eröffne, konnte Gunzer dann allerdings leibhaftig erleben, denn was folgte, war ein Clash der Kulturen, made in Austria.

          Geld für Fußball, nicht für Bücher

          Josef Winkler tarnte seine fulminante Rede mit dem Titel „Der Katzensilberkranz in der Henselstraße“ zunächst mit jener Form quälender Kindheitserinnerungen, wie man sie man schon oft von ihm gehört hat, um dann in einer unerwarteten Wendung auf die Kärntner Innenpolitik zu sprechen zu kommen. Winklers Furor verfolgte das Auditorium gebannt. Buchstäblich warf er den Politikern „Ks“, eine auch von Ingeborg Bachmann verwendete Ankürzung für Klagenfurt und Kärnten, ihr „Katzensilber“ vor die Füße. Der Autor prangerte deren Geldverschwendung für den Bau eines Fußballstadions an, das gerade drei Mal während der EM 2008 zum Einsatz kam. Er klagte einen stadtbekannten Steuerberater an, der für eine zweimonatige Beratertätigkeit vom Land sechs Millionen Euro kassierte, während die Landeshauptstadt ihren knapp hunderttausend Einwohnern bis heute eine Bibliothek vorenthält. Unfassbar sei es, dass die Politiker „kein Geld für eine Bibliothek, kein Geld für Bücher, kein Geld für Ingeborg Bachmann“ hätten.

          Winklers Hauptkritik aber galt dem Tod eines kleinen Jungen vor zwei Jahren auf einer Baustellenkreuzung in der Klagenfurter Radetzkystraße. Weil „immer wieder Personal zu Arbeiten ins Fußballstadion abgezogen“ worden sei und deshalb wochenlang keine Arbeiter auf der Baustelle gewesen seien, hätten die verantwortlichen Straßenbauer - Winkler nannte sie „die Sensenmänner von Klagenfurt“ - „den Tod eines Schulkindes buchstäblich aus dem Asphalt gestampft“.

          Kinder hätten hier „keine Zukunft“, resümierte Winkler mit den Worten Ingeborg Bachmanns. Und schloss mit einem leidenschaftlichen Appell an die Bürger, endlich aufzubegehren und gegen die „schamlosen“ und „räuberischen“ Politiker Kärntens auf die Straße zu gehen. Winklers Abrechnung wurde mit minutenlangem Applaus bedacht. Ob es so klug gewesen sei, die ausländischen Gäste mit Lokalpolitik zu konfrontieren, wisperte anschließend eine Frau am Büffet ihrem Gesprächspartner zu. Winklers Zornesausbruch wird nicht jeden begeistert haben. Aber an diesem Abend blieben Winklers Kritiker unter sich. Auch sonst trifft man ja in Kärnten kaum jemanden, der zugibt, BZÖ zu wählen.

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