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Werner Söllner : Ging ein Jungdichter verloren

Leitet seit 2002 das Hessische Literaturforum in Frankfurt: Werner Söllner Bild: Frank Röth

Werner Söllner, der durch seine Übersetzertätigkeit zum Sturz des Ceauşescu-Regimes beigetragen hat, war viele Jahre zuvor ein Securitate-Spitzel. Hat er die Literatur verraten?

          Es begann im April 1989. Auf verschlungenen Wegen erreichten diese Zeitung regelmäßig Kassiber, Gedichte und Essays des seit dem 22. März unter Hausarrest stehenden rumänischen Dichters Mircea Dinescu. Sie verdankten sich den geheimen Kontakten des aus dem Banat stammenden und damals siebenunddreißig Jahre alten Autors Werner Söllner, der 1982 aus Rumänien nach Deutschland gekommen war und hierzulande alsbald mit so eigenen wie eminenten Gedichten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Unvergesslich ist, wie Söllner im Frühjahr, Sommer und Herbst 1989 nahezu wöchentlich in der Redaktion auftauchte, stets mit einem neuen Manuskript, einer neuen Attacke auf den kommunistischen Diktator Nicolae Ceauşescu und dessen Geheimdienst Securitate, alle geschrieben von Dinescu, alle von Söllner übersetzt und, wo nötig, auch kommentiert.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch mit der Veröffentlichung der Texte in dieser Zeitung war es nicht getan. Radio Free Europe übernahm die poetischen Widerstandsfanale Dinescus wie Söllners Anmerkungen dazu und sendete sie in der Landessprache nach Rumänien. Welche Wirkung sie dort entfalteten, konnte man am 22. Dezember 1989 sehen, als jubelnde Menschen Dinescu auf ihren Schultern in den Fernsehsender trugen, wo er den Sturz des Ceausescu-Regimes verkündete: „Wir haben gesiegt! Der Tyrann ist geflohen! Geliebte Rumänen, wir müssen das Schicksal in unsere Hände nehmen!“

          Werner Söllner selbst stand lange im bundesrepublikanischen Exil-Zentrum jener Schriftstellergruppe, die im Verlauf der achtziger Jahre für das deutsch-rumänische Literaturwunder sorgte und den hiesigen Lesern einen bisher ganz unbekannten Kontinent an Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen erschloss. Der Literaturnobelpreis, den die wie Söllner aus dem Banat stammende und seit 1987 in Deutschland lebende Herta Müller am Donnerstag für ihr Werk entgegennahm (siehe auch: Nobelpreisträgerin Herta Müller: Die Liebe ist mir in den Kopf gewachsen), erweist stellvertretend auch der deutsch-rumänischen Literatur die gebührende Reverenz. Seit Donnerstag aber weiß man eben auch, dass Werner Söllner nicht nur als Opfer der Diktatur zu gelten hat - das ist und bleibt er -, sondern dass er unter dem Decknamen „Walter“ in den siebziger Jahren (nach Söllners eigenen Angaben zwischen 1973 und 1975) als Spitzel für die Securitate tätig war und über seinesgleichen Berichte schrieb. Dass diese Berichte den von der Securitate Bedrängten bisweilen sogar halfen, hat der Germanist Michael Markel für seinen Fall bezeugt (siehe auch: Wie sich der Lyriker Söllner als Securitate-Spitzel offenbarte).

          Der verstummte Dichter

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