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Wechsel in Frankfurts Literaturinstitutionen : Hückstädt für Gazzetti, Oberländer für Söllner

Werner Söllner Bild: Frank Röth

Nach seinem Bekenntnis, als Student für die Securitate gearbeitet zu haben, ist Werner Söllner als Programmgeschäftsführer des Hessischen Literaturforums zurückgetreten. Hier wie auch im Frankfurter Literaturhaus steht der Nachfolger fest.

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          Das Literaturhaus Frankfurt und das Hessische Literaturforum im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm bekommen neue Leiter. Der Vorstand des Literaturhausvereins teilte gestern mit, zum Nachfolger der bisherigen Programmgeschäftsführerin Maria Gazzetti sei Hauke Hückstädt berufen worden. Der Dichter und Übersetzer leitet bisher das Literaturzentrum Göttingen und soll zum 1. Juli in das Gebäude der Alten Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht wechseln. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Werner Söllner, seit 2002 Leiter des in Frankfurt ansässigen, finanziell vor allem vom Land Hessen getragenen Literaturforums, von seinem Posten zurücktritt. Zu seinem Nachfolger hat der Vorstand des ebenfalls als Verein organisierten Forums Söllners langjährigen Mitarbeiter Harry Oberländer bestimmt.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gerüchte darüber, dass Hückstädt zum engeren Kreis der Kandidaten für Gazzettis Nachfolge zähle, hatten sich vergangene Woche verdichtet. Mit dem 1969 im brandenburgischen Schwedt geborenen Hückstädt hat sich der Vorstand des Literaturhauses nun für einen Kandidaten entschieden, der in Frankfurt, anders als seine Mitbewerber Uwe Wittstock und Ina Hartwig, kaum bekannt ist. Wittstock, Frankfurter Kulturkorrespondent der Tageszeitung „Die Welt“, und Hartwig, bis Dezember Leiterin der Literaturredaktion der „Frankfurter Rundschau“, hatten Beobachtern als starke Kandidaten gegolten.

          Hückstädt, der im Alter von 15 Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelte, machte im Westen zunächst eine Lehre als Tischler und studierte anschließend in Hannover Germanistik und Geschichte. Er hat einen Gedichtband und viele lyrische Texte veröffentlicht, erhielt zwei Arbeitsstipendien des Landes Niedersachsen und 1996 den Literaturpreis der Stadt Georgsmarienhütte. Von 1995 bis 2001 gehörte er der Leitung des Literarischen Salons Hannover an, im Jahr 2000 übernahm er zusätzlich die Führung des damals neugegründeten Göttinger Literaturzentrums.

          Maria Gazzetti
          Maria Gazzetti : Bild: Frank Röth

          Eine andere Liga

          Der Verleger Joachim Unseld, Vorsitzender des Frankfurter Literaturhausvorstands, sagte dieser Zeitung gestern, ihn habe beeindruckt, wie Hückstädt das Zentrum in den zehn Jahren seines Bestehens in eine „völlig andere Liga“ geführt habe. Als Dichter, Übersetzer und Veranstalter, der Bücher herausgebe, Kritiken verfasse und an der Göttinger Universität unterrichte, sei Hückstädt ähnlich vielseitig wie das von ihm gestaltete Programm.

          Zu den Schriftstellern, die er nach Göttingen eingeladen habe, zählten so unterschiedliche Autoren wie Walter Kempowski und Wladimir Kaminer. Seine Berufung nach Frankfurt stehe dafür, dass die von Gazzetti geleistete Arbeit „an einem Haus, das ganz hohe Standards hat“, auf gleichem Niveau fortgeführt werde. Der neue Leiter werde aber auch „Impulse der Zeit“ aufnehmen und auf persönliche Weise präsentieren.

          In Frankfurt hat Hückstädt allerdings ein dichteres Programm zu organisieren als an seinem bisherigen Arbeitsplatz. Im gesamten Februar verzeichnet die von mehreren niedersächsischen Literaturbüros gemeinsam betriebene Internetseite für Hückstädts Göttinger Zentrum nur eine Lesung junger deutscher Lyrikerinnen und einen Jubiläumsabend zum 275. Geburtstag des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht.

          Die eigene Lebensgeschichte

          Hückstädts Vorgängerin Maria Gazzetti hatte ihr Amt im Juni 1995 angetreten. Im Frühling vorigen Jahres hatten sich zwischen der Literaturkritikerin, dem Vorstand des Literaturhauses und dem Frankfurter Kulturamt Meinungsverschiedenheiten über den künftigen Kurs des Hauses zugespitzt. Der daraufhin von den Mitgliedern eingesetzte neue Vorstand hatte Gazzetti zum Bleiben bewegen wollen, war mit diesem Plan aber gescheitert. In der Stellenausschreibung für ihren Nachfolger hatte er schließlich genau die Bemühungen um mehr Veranstaltungen und verstärkte Einwerbung von Drittmitteln gefordert, die der alte Vorstand Gazzetti vorgehalten hatte.

          Mit einem Rücktritt auf eigenen Wunsch hatte es unterdessen der Vorstand des Hessischen Literaturforums zu tun. Die Schriftstellerin Eva Demski, Vorstandsvorsitzende des Vereins, teilte mit, Programmgeschäftsführer Werner Söllner habe darum gebeten, von seinen Aufgaben entbunden zu werden. In dem Schreiben hieß es, Söllner wolle mehr Zeit für seine literarische Arbeit und die Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte gewinnen.

          Im Dezember hatte der 1951 im Banat geborene Dichter auf einer Münchner Tagung zur rumäniendeutschen Literatur zugegeben, in den siebziger Jahren mit der Securitate zusammengearbeitet zu haben (siehe auch: Securitate-IM „Walter“: Ein Herzschlag aus Angst). Söllner, damals Redakteur einer Studentenzeitschrift, hatte dem Geheimdienst über die Werke mit ihm befreundeter rumäniendeutscher Schriftsteller berichtet.

          Nach Angaben Demskis wird Söllner dem Literaturforum in Zukunft als freier Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Söllners Nachfolger Harry Oberländer wurde 1950 im nordhessischen Bad Karlshafen geboren. Er gibt die vom Literaturforum betreute Zeitschrift „L - Der Literaturbote“ heraus. Für seine Lyrik erhielt Oberländer 1973 den Leonce-und-Lena-Preis.

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