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Was ist links? : Ich bin ein Liebhaber von gebratenen Pfifferlingen

Wer ist links? Staeck, Menasse, Müller, Kister Bild: ddp, dpa, Frank Röth

Deutschland ist links beherrscht, meint der Journalist Jan Fleischhauer, der ein Abrechnungsbuch geschrieben hat. Doch was passiert, wenn man sich mit diesem Buch in der Hand auf die Suche nach Linken macht?

          Der „Spiegel“-Redakteur Jan Fleischhauer hat sich vor kurzem dazu bekannt, konservativ geworden zu sein. „Unter Linken“ heißt sein Buch. Diese Linken, zu deren Milieu er sich jahrelang zählte, findet er jetzt missionarisch, selbstgewiss, humorlos und bigott. Fleischhauer nennt sie eine „Herrschaftsformation“. Und er nennt auch Namen: Gerade hat er in seinem Blog den Münchner Journalisten Heribert Prantl, leitenden politischen Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, als „Überzeugungs- und Sentimentallinken“ bezeichnet, weil Prantl unverbesserlich festhalte am „Großmythos“ um Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss und damit die Achtundsechziger in Bewegung setzte - obwohl dieser Polizist Kurras neuerdings als Kommunist und Stasi-Mitarbeiter entlarvt ist.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wie gefällt es aber Fleischhauers alten Freunden und neuen Gegnern, wenn so über sie geschrieben wird? Anruf in der Herrschaftsformation: Sind Sie ein Linker, Heribert Prantl?

          „Ich finde es lustig, wenn die Rechten mich zu ihrem Lieblingslinken und die Linken mich zum Ehrenmitglied machen wollen“, antwortet Prantl. „Wenn Sie es wirklich so sortieren mögen, dann bin ich halt mal links, mal rechts, mal liberal.“ Provoziert fühle er sich nicht von Fleischhauer, behauptet Prantl, eher amüsiert, vor allem davon, wie Fleischhauer seine Sozialisation im Elternhaus und die Loslösung aus diesem „Linksbürgertum“ (Fleischhauer) stilisiert: „Die Leute tun so, als hätten sie in den siebziger Jahren ihr Stalingrad im Kinderzimmer erlebt“, sagt er. Wenn er aber gar nicht links ist, was ist Heribert Prantl dann? „Wenn ich mich selbst verorten müsste, dann bin ich meiner Herkunft nach - ein liberaler Sozialkatholik.“

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          Weder links noch rechts

          Auch Prantls stellvertretender Chefredakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ kann mit der Frage nichts so recht anfangen. „Was ist links?“, fragt Kurt Kister zurück. Fleischhauer würde sagen: eine Diskursmacht, die sich für besser hält und die Menschen zum Besseren bekehren will, überall Opfer erkennt und sie verteidigt, die darüber aber vor allem die eigene Machtposition zu stärken versucht. „Ach Gott“, antwortet Kister da, „dann muss es sich beim Buch Fleischhauers um das Buch eines Linken handeln, der aber von sich selbst trojanisch sagt, er sei ein Rechter, weil er als Opfer der Linken, seiner Eltern zum Beispiel, über die Linke missionarisch endlich die Wahrheit verbreiten will. Wenn das alles so ist, dann bin ich weder links noch rechts, sondern ein gelegentlicher Liebhaber von gebratenen Pfifferlingen.“

          Nächster Anruf in der Herrschaftsformation, bei Klaus Staeck, dem Politgrafiker und Präsidenten der Akademie der Künste. Wie findet er die Kursschwankungen? „Ich halte das für ziemlichen Unsinn“, sagt Staeck. „Leute, die sich gesellschaftlich und beruflich von einem Seitenwechsel etwas versprechen, haben mich nie interessiert. Zum Opportunismus habe ich jedenfalls keine Begabung. Ich habe eine klare Haltung, die vom jeweiligen Zeitgeist unbeeinflusst bleibt. Umso mehr bin ich überrascht, dass der Rowohlt-Verlag ein so mageres Buch verlegt. Wenn mich jemand als ,Linken' bezeichnet, widerspreche ich nicht - wie manche, die früher gar nicht links genug sein konnten.“

          „Lesespaß pur“

          Vielleicht ist es einfacher, mit Fleischhauers Buch in der Hand einen richtigen Konservativen zu finden. Bei der Vorstellung des Buchs im Restaurant „Adnan“ in Berlin-Charlottenburg waren jedenfalls viele Journalisten vom Springer Verlag anwesend, Wirtschaftsminister zu Guttenberg schaute auch kurz herein. Der Journalist Georg Gafron hat „Unter Linken“ im Magazin „Focus“ als „messerscharfe Analyse“ bejubelt. Die „Bild“ meint: „Lesespaß pur!“ - „Beifall von der Springer-Presse, wow!“, hat daraufhin die „taz“ gespottet. In der „Zeit“ allerdings befand Alexander Gauland, selbst ein bekennender konservativer Intellektueller: „Was als Tabubruch daherkommt, ist längst intellektueller Mainstream.“

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