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Verlorene Schauspielkunst : Noch nie einen Menschen von innen gesehen?

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Wo ist der Glanz? Wo bleibt das Herzklopfen? Wo die Feier? Der Dramatiker Botho Strauß rechnet mit dem gegenwärtigen Schaugewerbe ab Bild: Ruth Walz

Der Dramatiker Botho Strauß über die wunderbare Schauspielerin Jutta Lampe und unser wunderloses Theater, das im Grunde ein nicht abreißendes Fest sein könnte, sich aber zum Reservat von Dummheit und Bildungsferne entwickelt hat

          Sie mag nicht allein sein auf der Bühne. Lieber tritt sie auf und gleich in ein schwebendes Verhältnis hinein, ein offenes Spiel mit einem anderen Menschen. Man sieht sich an, wenn man miteinander spielt. Man baut sich nicht an der Rampe auf und erbricht seinen Text. Man streicht wachsam umeinander, lässt sich locken und verwirren, wie es auch unter Kampfpartnern geschieht, die in Öffnung und Deckung einander reizen. Oberste Spielregel dieser Kunst der gegenseitigen Abhängigkeit: Lernen und Aufschauen, Aufschauen und Lernen von Größerem, das sich immer findet. Man selbst ist so klein mit Hut, sofern man es wagt und überhaupt dazu fähig ist, ein Verhältnis zu eines anderen Vorrang einzugehen.

          Unser Theater, die frühe Schaubühne, begann programmatisch mit der Ehrung eines Vorbilds aus ruhmreicher Vergangenheit, deren Stil man im Übrigen keineswegs fortzusetzen gedachte. Therese Giehse spielte 1970 „Die Mutter“ von Brecht - und gegen Ende der Ära, 1990, war die Fehling- und Gründgens-Schauspielerin Joana Maria Gorvin im letzten Akt vom „Schlußchor“ der Gast des Ensembles. Wir waren die letzte Künstlergruppe am Theater, die unbeirrt an Überlieferung glaubte, obgleich sie doch für dies grundsätzlich vergessliche Medium unmöglich scheint. Doch Lernen und Aufschauen gehörte seinerzeit zum politisch guten Benehmen, die sogenannte Neue Linke blickte zu Greisen auf, Bloch und Marcuse, die Umstürzler des Stadttheaters zu Fritz Kortner.

          Selbstverleugnung zugunsten der Kunstmarktkopie

          Das Theater ist nun aber ein Laufsteg. Es lebt von wechselnden Moden, nicht von Geschichte mit Vorlauf und Folgen, jede seiner Perioden bleibt folgenlos. Es kann an nichts festhalten, und wenn es zu nichts anderem reicht, verspielt es sogar seine Elementarien, seine Grundbausteine, den Schauspieler und den Text, die sich dann kaum noch von Requisitenmaterial unterscheiden. Ja, es wehrt sich bis zur absoluten Beliebigkeit gegen alles, was vorher war, und das nur, um den Lebensnerv - nämlich jene immer wechselnden Moden - nicht zu gefährden.

          Eine effektsichere Komödiantin: Jutta Lampe 2002 als Winnie in einer Probe im Berliner Ensemble in „Glückliche Tage” von Samuel Beckett

          Es verleugnet sich zugunsten der Reportage, der Installation, der billigen Kunstmarktkopie, des Entertainments, des Medienverschnitts. Es gibt keine Kunstform, die auf so fremdbestimmte Weise der Affe ihrer Zeit wäre. Im Prinzip war es wohl nie ganz anders. Achtzig Prozent oder mehr allen Theaterspiels diente seit je der Unterhaltung und der Pflege des schlechten Geschmacks. Von Iffland bis Sudermann, vom Rührstück zum postdramatischen Kabarett.

          Ästhetisches Fratzenschneiden und harte Eindeutigkeit

          Es gibt in der Theatergeschichte nur wenige und sehr kurze Perioden, in denen Neuerung und Meisterschaft zusammenfielen. Selbstverständlich waren wir Hochperiode. Die Arroganz derer, die nun ab- und zurückgetreten sind, erlaubt kein anderes Selbstgefühl. Was folgte, waren Befreiungsschläge gegen die Klassik der ersten und originalen Nachkriegsjugendlichkeit. Auch Auflehnung hat ihre immer gleichen Floskeln, dazu gehören: ästhetisches Fratzenschneiden, Dekonstruktion und Szene gewordenes Hohngelächter.

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