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Verleger Ammann im Gespräch : Ein großer Verlag ist am Ende

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Egon Ammann in der Gründerzeit seines Verlages Bild: Ammann Verlag

Das Frühjahrsprogramm 2010 wird das letzte sein: Der Zürcher Ammann Verlag stellt den Betrieb ein. Im Gespräch nennt der Verleger Egon Ammann die Gründe und erklärt, warum ihm dieses Ende lieber ist als ein Verkauf.

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          Das Frühjahrsprogramm 2010 wird das letzte sein: Der Zürcher Ammann Verlag stellt den Betrieb ein (Der Ammann Verlag gibt auf). Im Gespräch erklärt der Verleger Egon Ammann, warum ihm dieses Ende lieber ist als ein Verkauf.

          2006 feierte Ihr Verlag sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Damals sagten Sie, es gehe ihm prächtig. Nun teilen Sie mit, dass der Ammann Verlag im Frühjahr 2010 sein letztes literarisches Programm vorlegen wird. Was ist in den vergangenen drei Jahren passiert?

          Unmerklich schleicht sich das Alter an einen heran, man wird über Nacht älter, müder. In drei Jahren geschieht in unserer schnelldrehenden Zeit sehr viel. So ist etwa der Markt für literarisch anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen dramatisch „jünger“ geworden, will sagen, die Neugier auf die zu lesende Kunst hat, wie wir feststellen mussten, in einem beängstigenden Maß nachgelassen.

          „Dramatisch jünger“ meint in Wahrheit wohl: schrecklich oberflächlich?

          Das können Sie so sehen. Genauer aber ist, dass eine Verschiebung stattfindet, Techno und Rap, Pop, Glamour, Fun schieben sich vor das Ernstere. Zerstreuung, Abenteuer, Fantasy, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir eines Tages wieder benötigen, wenn viele dieser Phänomene ihre Anziehungskraft verloren haben.

          Neben den Autoren sind von der Nachricht zuallererst die Verlagsmitarbeiter betroffen. Wie viele sind das gegenwärtig, und was geschieht mit ihnen?

          Wir sind ein Team von neun Personen inklusive Volontären. Wir werden nicht alle weiterbeschäftigen können bis zu unserer Schließung, das ist hart. Selbstverständlich bemühen wir uns, für alle neue Tätigkeitsfelder zu finden.

          Haben Sie versucht, einen jüngeren Nachfolger zu finden, oder erwogen, den Verlag an ein größeres Haus zu verkaufen, in dem Ammann dann als Imprint weitergeführt worden wäre?

          Wir haben verschiedene Möglichkeiten geprüft, natürlich auch eine Nachfolge, und sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser eng an die verantwortlichen Personen, also an meine Frau, Marie-Luise Flammersfeld, und mich, gebundene und von ihnen geführte Verlag nicht als Imprint unter einem großen Dach weitergeführt werden kann. Der rote Faden durch unseren Katalog trägt eine zu persönliche Handschrift, und diese verlorengehen zu sehen, hätten wir schwer ertragen. Alles hat einmal ein Ende.

          Der Ammann Verlag hat wesentliche Autoren entdeckt, ermutigt und befördert – Thomas Hürlimann, Georges-Arthur Goldschmidt, Ismail Kadare, Wole Soyinka und Eric-Emmanuel Schmitt, um nur einige zu nennen. Haben diese Autoren schon neue Verlage für ihre nächsten Bücher – und was geschieht mit ihren bisherigen Werken, also mit der Backlist?

          Um diese Autoren und ihre Werke mache ich mir keine Sorgen; ich bin in Gesprächen, was die Rechte-Übertragung und die Weiterführung ihrer Publikationen, inklusive der Backlist, in anderen Verlagen angeht. Ich tue dies im Einvernehmen mit den betreffenden Autoren. Wir evaluieren gemeinsam die beste Lösung für jeden Einzelnen.

          Zeit seines Bestehens hat Ihr Verlag immer wieder junge oder noch völlig unbekannte Autoren entdeckt. Befürchten Sie, dass es unter den begabten, in der breiten Öffentlichkeit aber nicht so bekannten Autoren solche gibt, für die das Ende Ihres Verlags auch das Ende der Schriftstellerlaufbahn sein könnte?

          Das Entdecken gehört zum Handwerk von Verlegern, wie wir uns sehen. Es war immer eine besondere Freude, uns für Autoren einzusetzen, an die wir geglaubt haben und weiterhin glauben. Für Ulrich Peltzer zu arbeiten, der längst zu den wichtigsten deutschsprachigen Erzählern gehört, ist eine große Herausforderung für einen Verleger. Für seine Bücher mussten wir kämpfen, und es hat sich gelohnt. Auch Thorsten Becker und Julia Franck machen ihre Wege, nicht mehr bei uns, aber bei ihren neuen Verlagspartnern, und darüber freuen wir uns. Wir haben sie ja gewissermaßen ans Licht geholt. Andere, an die wir glauben – Navid Kermani etwa, Matthias Zschokke, Fritz Kröhnke, Svenja Leiber, Ulla Lenze –, werden ihre Chancen in andern Häusern finden. Schwieriger wird es für einige Experimentelle. Generell aber kann die literarische Existenz von Autoren nicht von der Schließung eines Verlags abhängen.

          Die dritte Säule Ihres Programms sind die Übersetzungen. Im Herbst schließt Swetlana Geier mit dem „Spieler“ ihre glanzvolle Neuübersetzung von Dostojewskijs Großromanen ab. Für 2010 und 2011 haben Sie bereits neue Projekte angekündigt. Dann aber wird der Verlag nicht mehr existieren.

          Immer der Neugier entlang, bin ich früh auf bedeutende Autoren der Weltliteratur wie Fernando Pessoa, Ossip Mandelstam oder Antonio Machado gestoßen. Da es von ihnen kaum etwas auf Deutsch zu lesen gab, lag es nahe, im eigenen Verlag diese großen Werke zu heben. Wir hatten mit unseren Übersetzern immer großes Glück, so etwa mit Ralph Dutli, mit Inés Koebel, mit Fritz Vogelgsang und natürlich mit der Meisterin Swetlana Geier. Für 2011 hatte ich mir eine besondere Aufmerksamkeit für die fremdsprachige Literatur vorgenommen. Es ist ein alter Wunsch von mir, Dantes „Commedia“ in einer verständlichen, also les- und verstehbaren Übersetzung zu publizieren. Mit Kurt Flasch ist ein Mann an der Arbeit, der uns das verspricht. Ihm zur Seite sollte ein zeitgenössischer Klassiker der italienischen Literatur stehen: der 1992 gestorbene Sizilianer Stefano d’Arrigo mit seinem Meeresroman „Horcynus Orca“, eine zeitgenössische Odyssee. Wegen der sprachlichen Schwierigkeiten ist das 1200-Seiten-Buch noch nie übersetzt worden. Moshe Kahn aber, der sich seit gut zehn Jahren mit diesem Epochenroman befasst, wird das meistern. Sie werden das Erscheinen dieser Werke sehr wohl erleben, wenn auch nicht mehr mit dem Ammann-Impressum, was ja letztlich auch nicht so wichtig ist. Glücklich bin ich, die Gesamtausgabe von Machado mit „Guerra – Krieg“ im Frühjahr abschließen zu können.

          Ist Ihr Rückzug jenseits aller persönlichen Gründe nicht auch ein Zeichen dafür, dass die Zeit der eigenständigen, von den großen Konzernen unabhängigen und auf anspruchsvolle Literatur setzenden Klein- und Mittelverleger sich dem Ende zuneigt?

          Die Veränderungen im Literaturbetrieb sind kein neues Phänomen, seit vierzig Jahren kann man diesen Prozess beobachten. Die Konzentration im Verlagswesen wie im Buchhandel schreitet natürlich im Internetzeitalter noch rasanter voran. Dementsprechend werden sich der Verleger- und Buchhändler-Beruf verändern. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass es immer wieder junge leidenschaftliche Menschen geben wird, die sich an diesen Berufen versuchen.

          Sie sind jetzt 68 Jahre alt und seit 29 Jahren eigenständiger Verleger. Sind Sie reich oder zumindest wohlhabend geworden? Und falls nicht: Sind Sie gescheitert, weil das nicht geschah?

          Unser Leben als Verleger hat uns mit Werten reich gemacht, die jenseits des Pekuniären zu finden sind. Wir waren nicht vermögend bei der Gründung des Verlags, wir sind es auch heute nicht. Dass wir den Verlag überhaupt so lange betreiben konnten, wäre ohne die Unterstützung von Freunden, insbesondere George Reinhart und Monika Schoeller, so nicht möglich gewesen.

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