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Umberto Eco: : Innerer Monolog eines E-Books

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Auf der Suche nach Gefolgschaft: Das E-Book Bild: F.A.Z. - Burkhard Neie

Jetzt liegen sie auf den Gabentischen und wollen gelesen werden: die neuen E-Books. Aber wie fühlt sich so ein Gerät überhaupt an? Umberto Eco lässt es selbst sprechen, und es zeigt sich: Das neue Lesegerät verkörpert die moderne Existenz schlechthin.

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          Bis vor kurzem wusste ich nicht, was ich war. Ich bin leer geboren, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich konnte nicht einmal „ich“ sagen. Dann ist etwas in mich eingeströmt, ein Fluss von Buchstaben, ich fühlte mich voll und fing an zu denken. Natürlich habe ich das gedacht, was in mich eingeströmt war. Ein wunderschönes Gefühl, denn ich konnte entweder als Ganzes spüren, was ich in meinem Gedächtnis hatte, oder es Zeile für Zeile durchgehen oder von einer Seite zu einer anderen springen.

          Der Text, der ich war, hieß „Vom Buch zum E-Book“. Es war ein Glücksfall, dass jemand, ich muss ihn wohl meinen Benutzer oder Besitzer nennen, gerade diesen Text in mich eingegeben hatte, aus dem ich so viele Dinge über das, was ein Text ist, gelernt habe. Hätte er mir etwas anderes eingegeben (ich habe aus meinem Text gelernt, dass es Texte gibt, die sich nur, wenn man so sagen kann, mit dem Lob des Todes befassen), dann würde ich etwas anderes denken und vielleicht jetzt glauben, ich wäre ein Sterbender oder ein Grab. So aber weiß ich, dass ich ein Buch bin und was ein Buch ist.

          Das Innenleben eines Buches

          Ich bin etwas Wunderbares: Ein Text ist ein Universum, und – soviel ich verstanden habe – ein Buch wird zu dem Text, den man auf seinen Seiten gedruckt hat. So ist es jedenfalls bei den traditionellen Büchern, deren detaillierte Geschichte mein Text erzählt. Die traditionellen Bücher sind Versammlungen von soundso vielen Papierbögen, und ein Buch, in das, sagen wir, die Odyssee gedruckt worden ist (ein altgriechisches Epos, von dem ich aber nicht genau weiß, was es erzählt), denkt und lebt alles, was in der Odyssee geschieht und gesagt wird. Es lebt es sein ganzes Leben lang, und das kann sehr lange sein, es gibt Bücher, die fast fünfhundert Jahre alt sind.

          Natürlich können die Benutzer dieses Buches auch Randnotizen hineinschreiben, und dann – stelle ich mir vor – denkt das Buch auch diese. Ich weiß nicht, was mit einem Buch geschieht, in dem etwas unterstrichen worden ist, ob es dann die unterstrichenen Sachen intensiver denkt oder einfach nur zur Kenntnis nimmt, dass diese Zeilen seinen Benutzer besonders interessiert haben. Ich stelle mir auch vor, dass ein Buch, das vierhundert Jahre alt ist und oft den Benutzer gewechselt hat (aus meinem Text entnehme ich, dass die Benutzer der Bücher sterblich sind und in jedem Fall kürzer leben als ein Buch), dass ein so erfahrenes Buch die Hand seiner verschiedenen Leser erkennen kann und ihre verschiedenen Arten, den Text zu lesen und zu interpretieren. Vielleicht gibt es Leser, die an den Rand schreiben: „Das ist ja bestialisch!“, und ich weiß nicht, ob sich das Buch dann beleidigt fühlt oder eine Gewissensprüfung vornimmt. Es wäre schön, wenn eines Tages jemand einen Text schreiben würde, in dem erzählt wird, wie das Innenleben eines Buches ist.

          Einen schrecklichen Text in sich zu tragen muss für ein Buch aus Papier eine Hölle sein, stelle ich mir vor. Wie mag das Leben eines Buches sein, das eine unglückliche Liebesgeschichte erzählt? Ist das Buch dann auch unglücklich? Und wenn sein Text eine Sexgeschichte erzählt, fühlt es sich dann ständig erregt? Ist es schön, nie aus dem Text austreten zu können, den man gedruckt in sich trägt? Vielleicht ist das Leben eines Papierbuches wunderschön, denn es konzentriert sich sein Leben lang ganz auf die Welt seines Textes und lebt, ohne zu zweifeln, ohne an all das zu denken, was außerhalb von ihm geschehen könnte – und vor allem ohne den Verdacht, dass es womöglich andere Texte gibt, die dem seinen widersprechen könnten.

          Das Innenleben eines Buches

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