https://www.faz.net/-gqz-13v29

Suhrkamp in der Zwickmühle : Wann erklärt sich die Lindenstraße?

  • -Aktualisiert am

Suhrkamp in der Zwickmühle Bild: F.A.Z.

Der Suhrkamp Verlag steht vor radikaler Veränderung: Der Umzug rückt näher und das Geld wird offenbar knapp. Zur Rettung der Berlin-Pläne muss Suhrkamp jetzt rasch eine Entscheidung über seine Archive treffen.

          3 Min.

          Wenn heute die Gesellschafter des Suhrkamp Verlags erstmals seit dem im Februar verkündeten Umzugsbeschluss zusammenkommen, dürfte es allerhand zu besprechen geben. Zwar wird die elementare Frage, ob der damals - gegen das Votum Joachim Unselds - „mehrheitlich“ gefällte Umzugsbeschluss überhaupt gültig ist, inzwischen im Gerichtssaal entschieden. Bis es allerdings dazu kommt, dauert es noch: Der für diese Woche angesetzte Verhandlungstermin musste kurzfristig abgesagt werden, weil Suhrkamp einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin gestellt hat. Diese hatte zum Auftakt des Verfahrens Verständnis für die Argumentation des Klägers Joachim Unseld zu erkennen gegeben .

          Während der Verlag die Entscheidung offenkundig herauszögern will, möglicherweise um noch vor einer Urteilsverkündung Fakten zu schaffen, läuft mit dem näher rückenden Umzugstermin ein anderer Countdown. Denn mit dem Ortswechsel des Verlags muss auch ein neues Heim für die Archive Insel und Suhrkamp gefunden werden, die derzeit noch in den Kellern in der Frankfurter Lindenstraße und der Klettenbergstraße lagern. Um diesen einzigartigen Bestand zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte buhlen das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und die Universität Frankfurt seit Monaten mit unverminderter Energie (siehe Suhrkamp Verlag: Es geht ans Eingemachte).

          Es geht nicht nur ums Geld

          Dass die Archiv-Frage nach wie vor offen ist, dürfte ebenfalls mit Unselds Klage zusammenhängen, die Suhrkamp in eine Zwickmühle bringt. Sollte nämlich das Gericht entscheiden, dass ein Umzug nur mit Zustimmung aller Gesellschafter zulässig ist, dürfte dies auch für den Verkauf der Archive gelten. Und ohne diese zusätzlichen Einnahmen wird man Unseld kaum auszahlen können. In Marbach und an der Frankfurter Universität wartet man derweil immer dringender auf eine öffentliche Absichtserklärung aus der Lindenstraße, ohne die keiner der Interessenten bei Stiftungen und anderen Stellen um Gelder werben kann.

          Dass zwei Institutionen, die mit öffentlichen Geldern agieren, so zu einem Bietgefecht gezwungen wurden, ist nicht nur aus Sicht des Steuerzahlers unglücklich. Eine Aufteilung der Bestände, nach der beispielsweise alle die Frankfurter Schule betreffenden Dokumente am Main verblieben und der Rest nach Marbach wanderte, wäre dennoch kein sinnvoller Kompromiss, sondern eine Notlösung. Denn es geht bei der Frage, wem Suhrkamps Archive zugesprochen werden, nicht nur um Geld, sondern in erster Linie um die Erhaltung, Erschließung und Erforschung der umfangreichen Bestände. Da ist das Literaturarchiv in Marbach klar im Vorteil, nicht nur, was die wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten sowie den Platz angeht, sondern auch beim Personal. In Frankfurt, wo der seit Jahr und Tag geplante Bau des Archivzentrums auf dem Campus Westend zwar höchsten Stellen zufolge vom Sankt-Nimmerleins-Tag durchaus auf die nähere Zukunft vorgezogen werden könnte, falls die Goethe-Universität den Zuschlag erhält, wären die Folgekosten im Falle eines Erwerbs weit höher als in Marbach; zudem dürfte Universitätspräsident Werner Müller-Esterl nach einer solchen Aufwertung der Geisteswissenschaften mit entsprechenden Forderungen anderer Fachgebiete konfrontiert werden. Während die Universität auf die Unterstützung von Stadt und Land zählen kann, dürfte Marbach nach zahlreichen Ankäufen und Satzungsquerelen beim zuständigen Ministerium in Stuttgart eher auf eine zähere Mentalität stoßen.

          Ein bloßes Trostpflaster

          Während man in Frankfurt immer wieder auf die Dauerleihgabe des Peter Suhrkamp Archivs an die Universität hinweist und insgesamt gern den Eindruck erweckt, Marbach geriere sich als lästiger Störenfried in einer von langer Hand vorbereiteten Annäherung, ist es doch eher ungewöhnlich, dass eine deutsche Universität ein Verlagsarchiv an sich ziehen will. Dessen Wert für die Forschung ergibt sich vor allem aus dem Zusammenspiel mit anderen literarischen Nachlässen. In Marbach käme vieles zusammen, was zusammengehört - nicht nur liegen dort in Gestalt der Sammlung Kippenberg bereits maßgebliche Dokumente zum Insel Verlag, sondern etwa auch die Nachlässe von Suhrkamp-Fixsternen wie etwa Hermann Hesse, Siegfried Kracauer und Hans Blumenberg, Paul Celan und Marie Luise Kaschnitz sowie die Vorlässe von Martin Walser oder Elisabeth Borchers, der langjährigen Cheflektorin des Verlags. Das Wirken von Peter Suhrkamp dokumentiert in Marbach das S. Fischer Archiv. Insgesamt spricht vieles für den geschlossenen Verkauf der Archive an den zentralen Ort deutscher literarischer Gedächtnispflege.

          In der Geschäftsführung von Suhrkamp war, anders als beim Minderheitsgesellschafter Joachim Unseld, der Frankfurter Lokalpatriotismus in den letzten Jahren nicht eben stark ausgeprägt. Insofern könnte sich die generöse Ankündigung des Verlags, der Frankfurter Universitätsbibliothek „aus Verbundenheit“ auch nach dem Umzug nach Berlin weiterhin jeweils ein Exemplar aller Neuerscheinungen zu spenden, in Kürze als bloßes Trostpflaster erweisen - wenn nämlich die Originalmanuskripte die Stadt verlassen werden.

          Je näher der Umzugstermin rückt, desto drängender werden bei Suhrkamp die offenen Fragen. Die Zeit wird knapp, das Geld ist es offenbar schon länger - auch der Verkauf des Verlagssitzes in der Lindenstraße steht nach wie vor aus. Um rechtzeitig und aus eigener Kraft aus dieser verfahrenen Lage herauszufinden, bräuchte Suhrkamp wohl gleich mehrere Bestseller.

          Weitere Themen

          „Born in Evin“ Video-Seite öffnen

          Filmkritik : „Born in Evin“

          Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Ursula Scheer über den bewegenden Film „Born in Evin“.

          Goldener Glanz, Stockender Müll, Blühende Phantasie

          F.A.Z.-Hauptwache : Goldener Glanz, Stockender Müll, Blühende Phantasie

          Beide Preisträger des Literaturnobelpreises stehen in enger Verbindung mit Frankfurter Verlagen. In Darmstadt wird die Müllentsorgung durch das Verbot des Rückwärtsfahrens von Müllwagen erschwert. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der F.A.Z-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am 9. Oktober im Parlament in Ankara.

          Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

          Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Heiko Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump für seine Tweets. Ein Treffen mit dessen Vize Pence und Außenminister Pompeo lehnt er ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.