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Standardwerk mit Lücken : Ein grotesker Kanon

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Wo ist Tucholsky?
          8 Min.

          Warum ist die Lücke in der deutschen Literatur eigentlich bis zum heutigen Tage nicht geschlossen? Die Lücke, die in jener Nacht, heute vor sechsundsiebzig Jahren gerissen wurde, als in Deutschland die Bücher brannten? Die Lücke ist da; wenn man durch die Regale deutscher Universitätsbibliotheken geht, kann man sie sehen: Viele Bücher, viele Namen fehlen bis heute.

          Die Namen der Autoren, deren Bücher damals im Feuer landeten, sollten für alle Zeiten aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Das war der Plan. Die tausend Jahre waren nach zwölf Jahren vorbei. Trotzdem reichte es, um einen Faden abreißen und viele Autoren in Vergessenheit geraten zu lassen.

          Kein Mensch interessierte sich für sie

          Viele der verbrannten Dichter haben die zwölf Jahre nicht überlebt. Entweder gelang ihnen nicht die Flucht, oder sie starben im Exil. Und die, die zurückkehren wollten, die, die sich die Zuversicht, das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrem Heimatland über all die Jahre des Exils bewahrt hatten, erlebten nach der Rückkehr den zweiten schweren Schock: Sie waren - in Westdeutschland - nicht willkommen, ihre Bücher wurden nicht gedruckt, für ihre Geschichten interessierte sich kein Mensch.

          Bild: F.A.Z.

          Die Bücherverbrennung war eben nicht die verrückte Idee einiger wahnsinniger Nazi-Funktionäre gewesen, sondern das Werk von deutschen Germanistikstudenten, Bibliothekaren, deutschen Bürgern. Und die waren nach dem Krieg noch die gleichen. Die Universitäten waren die gleichen, die Professoren blieben, fast ausnahmslos, die gleichen, die zwölf Jahre zuvor ihre Institutsbibliotheken ausräumen und die Bücher von Juden, Kommunisten und Pazifisten verbrennen ließen. Bis zum Jahr 1950 gab es an westdeutschen Universitäten fünf Germanisten, die aus dem Exil zurückgekehrt waren und an einem Institut eine Anstellung gefunden hatten. Erst Ende der sechziger Jahre begann sich Grundsätzliches zu ändern. Aber es gibt Kontinuitäten.

          Kein Mann, kein Kisch

          Dies ist die Geschichte von Elisabeth Frenzel, die sich am 26. April 1933 am theaterwissenschaftlichen Institut der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität immatrikulierte und ihr Studium sieben Jahre später mit einer Dissertation zum Thema „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ abschloss. Danach war sie an der von Alfred Rosenberg konzipierten nationalsozialistischen Eliteuniversität „Hohe Schule“ wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitete dort, in Zusammenarbeit mit dem „Institut zur Erforschung der Judenfrage“, an einem „Lexikon der Juden im Theater und Film“. 1945 sollte es publiziert werden. Es kam nicht mehr dazu. Aber acht Jahre nach Kriegsende brachte Elisabeth Frenzel, zusammen mit ihrem Mann Herbert A. Frenzel, der in der Nazizeit bei der NS-Propagandazeitschrift „Der Angriff“ als Kulturredakteur und Chef vom Dienst gearbeitet hatte, ein anderes Lexikon heraus: „Daten deutscher Dichtung“, bis heute ein Grundlagenwerk der deutschen Germanistik.

          Wer sich mit der deutschen Literatur wissenschaftlich beschäftigt, für den ist das Buch der Frenzels nach wie vor eine Voraussetzung. Fast jeder kennt die beiden Bände, früher orange eingebunden, heute leuchtend rot. „Daten deutscher Dichtung“ definiert den Kanon und beschreibt die Werke in wenigen, sachlichen Worten. Fast nur Daten. Fakten. Grundlegendes. „Daten sind die Voraussetzung aller geschichtlichen Erkenntnis.“ Das ist der erste Satz des Lexikons. Im September 2007 erschien es in der 35. Auflage, aktualisiert bis in die Gegenwart hinein. Der Erfolg ist gigantisch. Der Verlag nennt keine Zahlen, aber schon die elfte Auflage, die 1975 erschien, vermerkte eine Verkaufszahl von 295 000 Stück. Rechnet man das hoch, so kommt man auf eine Million verkaufter Exemplare. Eine märchenhafte Erfolgsgeschichte.

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