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Standardwerk mit Lücken : Ein grotesker Kanon

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Ein Skandal

Aber was für Daten sind das eigentlich, die hier als „Voraussetzung aller geschichtlichen Erkenntnis“ zusammengetragen wurden? Was ist das für ein Kanon? Wer sich die Auswahl der Werke aus den Jahren 1933 bis 1945 genauer ansieht, wird sonderbare Lücken feststellen. Große Lücken. Keine Werke von Kurt Tucholsky, von Klaus Mann, von Siegfried Kracauer und Egon Erwin Kisch. Dafür die Nazischriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer, der SA-Mann Hans Rehberg; Richard Billinger und Ina Seidel. Im Kanon der Frenzels werden die Folgen von Bücherverbrennung und Naziherrschaft bis in die heutige Zeit verlängert. Dass ihr Kanon so aussieht, ist wenig überraschend. Dass das Buch bis heute in dieser Form erscheint und als Grundlagenwerk benutzt wird, ist ein Skandal. Nirgendwo im Buch finden sich Hinweise auf die Biographien der beiden Herausgeber, nirgendwo ein Hinweis auf ihre Vergangenheit, keiner auf die Gegenwart.

Herbert A. Frenzel ist 1995 gestorben. Elisabeth Frenzel lebt noch. 1997 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Und sie selbst, erklärt die Sachbuch-Cheflektorin beim Deutschen Taschenbuch-Verlag, Andrea Wörle, Frau Frenzel selbst nehme nach wie vor, in Zusammenarbeit mit dem Verlag, die Aktualisierungen vor. In der vor anderthalb Jahren erschienenen Neuauflage geht es bis ins Jahr 2004 hinein. Elisabeth Frenzel ist heute 94 Jahre alt. Sie lebt in Berlin.

Ich möchte sie sprechen, mit ihr über die Lücken in ihrem Kanon sprechen, über ihre Dissertation, über Literatur, Juden, Reue und Beharrlichkeit. Die Telefonnummer, die ich vom Verlag bekomme, ist abgemeldet. Auf Nachfrage erklärt die Lektorin, Frau Frenzel sei verschwunden, vielleicht lebe sie in einem Altersheim, vielleicht habe sie Berlin verlassen. Man habe den Kontakt verloren. Schon im ersten Gespräch war Andrea Wörle wenig begeistert. Ob man da jetzt wirklich was machen müsse; und die Frau sei doch so alt, und der Fall sei doch bekannt. Und sie seufzt, dass sie die alte Dame jetzt anrufen müsse, um sie darauf vorzubereiten, dass da wieder etwas komme.

Nathan, der Arier

Es stimmt. Der Fall ist bekannt. Das macht die Sache aber eher noch unglaublicher. Oder: typischer. Ja, der Fall Frenzel wird immer wieder einmal erwähnt, mal größer, mal kleiner, meist in Fußnoten versteckt. Über die Dissertation heißt es meist, sie sei „antisemitisch“, ja, aber es war eben die Zeit, damals. Und im neuen Lexikon seien davon doch keine Spuren mehr.

Man muss sich beides, die Dissertation von damals und das Daten-Lexikon genau ansehen, um zu verstehen, um was es hier geht. Das Buch „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ kann man sich in der Bibliothek der Humboldt-Universität ausleihen. Nicht sehr dick, 285 Seiten, vom 13. Jahrhundert bis in die damalige Gegenwart hinein, die Zeit nach 1933. Es ist die Geschichte eines großen, christlichen Volkes, das sich dem immer stärker werdenden Einfluss einer artfremden Volksgruppe ausgesetzt sieht, welcher das christliche Volk am Anfang noch mit Karikaturen, mit lächerlichen und verächtlich machenden Bühnenrollen begegnete. Eine Volksgruppe, die diesen milden Umgang aber nur zu ihrem Vorteil nutzte, um in immer frecherer Selbstüberhebung die Macht auch auf deutschen Bühnen an sich zu reißen und die deutsche Volkskunst schließlich ganz zu unterdrücken. Bis zum Tag der Erlösung, Anfang 1933. Diese Geschichte wird von Stück zu Stück über achthundert Jahre Bühnengeschichte durchdekliniert. Mitunter, wie im Falle Lessings, mit tollkühnen Verrenkungen, Verdrehungen und Lügen. Gleich im zweiten Absatz der Einleitung heißt es: „Es sollte gezeigt werden, daß die Stellung, die das neue Deutschland heute zur Judenfrage wie zum Theater einnimmt, nicht an die politische Tagesnotwendigkeit gebunden, sondern in Deutschland von Ursprung an vorhanden gewesen ist.“ Das ist das Ziel der Arbeit. Es soll eine Beweisschrift dafür sein, dass die nationalsozialistische Kulturpolitik, dass Bücherverbrennung und Dichterverbannung als Wunsch und Ziel im deutschen Kulturleben immer schon verankert waren.

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