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Securitate-Tagung in Jena : Die Angst war der wichtigste Rohstoff

Oskar Pastior war von 1961 bis 1968 unter dem Decknamen «Otto Stein» Informant des kommunistischen Geheimdienstes Securitate Bild: dpa

Erst raubt die Diktatur den Opfern ihre Zukunft, dann die Vergangenheit: In Jena wurde über die Verbrechen der Securitate und Oscar Pastiors Enttarnung diskutiert. Es gab ein explosives Aufeinandertreffen von Wissenschaftlern und Zeitzeugen.

          Als Marius Oprea zum Stadtrat von Klausenburg gewählt wurde, musste er im Rathaus einen Amtseid ablegen. Oprea kannte den Mann, der während der Zeremonie die Bibel hielt, auf die er seine Hand legen sollte. Es war der Geheimdienstoffizier, der ihn vor dem Sturz Ceausescus drangsaliert hatte. „Was machst du hier?“, fragte Oprea. „Es gibt doch ein Gesetz, das verbietet, dass ehemalige Angehörige der Securitate in den öffentlichen Dienst übernommen werden.“ In dem Gesetz, antwortete ihm der Mann, sei von Leuten die Rede, die mit der Securitate kollaboriert hätten. Er aber habe nicht kollaboriert – er sei ja ein Mitglied des Geheimdienstes gewesen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Im März dieses Jahres wurde Oprea als erster Direktor des auf seine Anregung begründeten staatlichen Instituts zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen gefeuert. Er hatte zu viel Staub aufgewirbelt. Jetzt führt Oprea seine Untersuchungen zu den Gewaltverbrechen der Securitate auf eigene Faust weiter. Dazu hat er eine prtivate Organisation ins Leben gerufen, die unter anderem von der Konrad-Adenauer-Stiftung finanziell unterstützt wird.

          Die Gedichte wurden gefunden

          Oskar Pastior, den der rumänische Geheimdienst dazu brachte, eine fünfseitige Verpflichtungserklärung zu unterschreiben und auf jede einzelne Seite seinen Namenszug zu setzen, dürfte heute im Rathaus seiner Heimatstadt nicht einmal den Fußboden fegen – er gilt als Kollaborateur, denn er hatte sich als Informeller Mitarbeiter verpflichtet (Siehe auch: Oskar Pastior und die Securitate: Die späte Entdeckung des IM „Otto Stein“). Fünf Jahre hatte Pastior in einem sowjetischen Arbeitslager verbracht und darüber eine Handvoll Gedichte geschrieben, die im Rumänien der fünfziger und frühen sechziger Jahre als antisowjetische Propaganda ausgelegt werden konnten. Pastior hatte sie einer Freundin zur Aufbewahrung anvertraut. Die Gedichte wurden gefunden, die Freundin wurde erpresst, weigerte sich aber, für den Geheimdienst zu arbeiten und wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Bevor die Securitate bei Pastior auftauchte, ließ sie mehr als eineinhalb Jahre verstreichen, in denen der Dichter täglich mit seiner Verhaftung rechnen musste. Jede Autotür, die zugeschlagen wurde, jedes Geräusch im Treppenhaus konnte das Eintreffen der Geheimagenten ankündigen. Als es soweit war, hatte die Angst vor dem Lager ihn so mürbe gemacht, dass Pastior im Verhör von sich aus um eine Gelegenheit bat, seine Zuverlässigkeit und Loyalität gegenüber dem rumänischen Regime unter Beweis zu stellen. Ob er wusste, wie dieses Angebot interpretiert werden würde, oder ob er lediglich damals gängige Floskeln benutzte, um Reue und guten Willen zu demonstrieren, lässt sich, wie Stefan Sienerth darlegte, nicht entscheiden. Pastior kam mit diesem Schritt der Securitate entgegen, weil er wusste, dass er nicht die Kraft haben würde, ihr zu widerstehen. Ist das Kollaboration?

          Folter, Qualen, rohe Gewalt

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