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Securitate-Tagung in Jena : Die Angst war der wichtigste Rohstoff

Habe ich falsch gelebt?

Dragos Petrescu, der Präsident der CNSAS, des rumänischen Nationalen Rates für die Aufarbeitung der Securiate-Archive, dem Pendant zur Birthler-Behörde, war erregt, als er vor das Plenum trat. Soeben hatte ein rüstiger Hüne im Publikum den Tagungsteilnehmern zu verstehen gegeben, dass er den Anschauungsunterricht des Pfarrers nicht braucht. Als er einmal im Lager ohne vorherige Erlaubnis von einer Baracke in die andere gegangen sei, aus seelsorgerischen Gründen, wie er sagte, sei ihm dafür die Bastonade mit einem Hartgummischlauch verabreicht worden. Heute müsse er aus Rumänien hören, das die CNSAS freigiebig Persilscheine an ehemalige Täter verteile. Der Mann ist am Rande seiner Beherrschung: „Habe ich falsch gelebt? Sagen Sie mir, dass ich falsch gelebt habe!“. Petrescu beschreibt in seiner Antwort die Zwänge, denen seine Behörde durch die rumänische Gesetzgebung unterliegt. Er ist noch nicht lange Chef der CNSAS. Sein Vorgänger ist freiwillig aus dem Amt geschieden. Die Belastung sei enorm, ist zu hören. Anonyme Anrufe, Beschimpfungen und Gewaltandrohungen gegen die ganze Familie seien die Regel.

Abends, fünfzig Tagungsteilnehmer sitzen bei Bier und deftigen thüringer Spezialitäten in einem Gasthaus beisammen, ergibt sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Virgiliu Tarau, dem Vizepräsidenten des CNSAS. Richard Wagner hatte am Vorabend erklärt, dass er für Oskar Pastior keine anderen Maßstäbe gelten lasse wolle als für andere IM auch. Unzählige Male, so sagt er im Gespräch, habe man beisammen gesessen und gemeinsam mit Herta Müller über die Securitate gesprochen, immer und immer wieder: „Aber Oskar hat niemals ein Wort über seine Zeit als IM gesagt, keine Silbe. Das kann ich ihm nicht so einfach verzeihen.“ Wagner hält es durchaus für möglich, dass noch Spitzelberichte von Pastiors Hand im Bukarester Archiv liegen könnten. Virgiliu Tarau geht noch einen Schritt weiter: „Ich bin ziemlich sicher, dass der Fall Oskar Pastior gerade erst begonnen hat. Früher oder später wird sich noch weiteres Material finden.“ Stefan Sienerth denkt ähnlich: „Pastior war sieben Jahre lang IM. Die Securitate hätte ihn vermutlich nicht so lange als Mitarbeiter geführt, wenn er ihnen in all diesen Jahren niemals etwas geliefert hätte, was ihren Erwartungen entsprach.“

Warum Pastiors Akte kaum deutliche Spuren seiner Tätigkeit enthält, obwohl er Belobigungen erhielt und ihm sogar Auslandsaufträge anvertraut wurden, ist bislang ein ungelöstes Rätsel. Sienerth wird die Akten der Freunde und Kollegen Pastiors überprüfen. Vielleicht taucht irgendwann auch noch das kleine Bündel von Gedichten auf, die von den Schreckensjahren im Lager künden. Er wollte sie eigentlich gar nicht vorlesen, damals, im Sommer 1955, als er auf einer Party der Hermannstädter Jugend sein Gedicht „Kassette“ vortrug. Es war der erste öffentliche Vortrag des Dichters Oskar Pastior. Aber die Freunde konnten mit der hermetischen „Kassette“ nur wenig anfangen. Pastior war enttäuscht. Dann trug er Gedichte vor, die einfacher waren, zugänglicher. Und am Ende las er von etwas, das sie alle verstanden. Der wichtigste Rohstoff Rumäniens, hatte Marius Oprea gesagt, war die Angst.

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