https://www.faz.net/-gqz-xpse

Securitate-Tagung in Jena : Die Angst war der wichtigste Rohstoff

Stefan Sienerth, Direktor des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, hat Pastiors IM-Akte in Bukarest entdeckt und sorgfältig ausgewertet. Wenige Tage nachdem sein spektakulärer Fund publik geworden war, stellte Sienerth nun erstmals seine minutiöse Rekonstruktion der damaligen Vorgänge vor. Sienerths Vortrag war das wissenschaftliche Glanzstück und der dramaturgische Höhepunkt einer Tagung in Jena. Aber niemand sollte glauben, die Jahrestagung des Arbeitskreises für siebenbürgische Landeskunde, die zusammen mit Sienerths Münchner IKGS und Joachim von Puttkamers Jenenser Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte durchgeführt wurde, habe völlig im Bann des spektakulären Aktenfundes gestanden. Das Aufeinandertreffen von Wissenschaftlern und Zeitzeugen, die sich als Chronisten, Opfer, Überlebende und Historiker der eigenen Vergangenheit verstehen, Rivalitäten der rumäniendeutschen Landsmannschaften untereinander, das gereizte Verhältnis zum heutigen Rumänien, die zuweilen reflexhafte Abwehr jeglicher Kritik an den im Westen tätigen landsmannschaftlichen Vereinigungen, nicht zuletzt die Konkurrenz der Opfer untereinander sowie der zuweilen mehr belastende als erhellende Vergleich mit der Stasi und den Verhältnissen in der ehemaligen DDR – all dies ist mehr als genug, damit eine explosive Atmosphäre entsteht.

Jeder kennt jeden in der kleinen rumäniendeutschen Szene, das Netz der Beziehungen ist engmaschig und für Außenstehende schwerer zu entwirren als der gordische Knoten. Auf Anhieb begreift der Neuankömmling nur eines: Feindschaften werden hier mit Hingabe gepflegt. Und nichts wird je vergessen. Das kollektive Gedächtnis der deutschsprachigen Minderheiten in Rumänien speichert alles, kann sich aber kaum auf eine verbindliche Version vergangener Geschehnisse einigen. Was Freunde wie Feinde zusammenschweißt, ist das Ringen um Rekonstruktion und Deutung einer Vergangenheit, die von Gewalt und Verrat, Intrigen und Korruption, Willkür und Menschenverachtung bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurde. Zuerst raubt die Diktatur ihren Opfern die Zukunft, dann, nach ihrem Untergang, raubt sie ihnen auch die Vergangenheit.

Was die Angst und die Erinnerung an die Qualen im Lager bei Pastior bewirkten, erreichte die Securitate bei anderen mit brutaler Gewalt. Ein ehemaliger Pfarrer aus Klausenburg hat darüber ergreifend berichtet. Er wagte den Blick in seine Opferakte erst, als er sich sicher war, dass er in der Lage wäre, jedem alles zu verzeihen, gleichviel, wie schlimm der Verrat auch gewesen sein mochte, den ihm die Akten offenbaren würden. Am nächsten Morgen, die Tagung neigte sich ihrem Ende zu, ließ der vergebungswillige Pfarrer, würdig und weit jenseits der Siebzig, plötzlich einen Schlagstock durch die Reihen im Tagungssaal gehen. Während der eine oder andere Teilnehmer sich probehalber auf Schenkel, Arme oder Schultern schlug, nachdem er Gewicht und Biegsamkeit des Gummiknüppels geprüft hatte, beschrieb der Pfarrer, dass die Securitate die Menschen solange schlug, bis sie fast tot waren. Dann ließ sie ihnen Zeit, sich zu erholen und schlug wieder zu. Wer immer von einem unerklärlichen Selbstmord in der Familie, der Nachbarschaft, im Freundes- oder Kollegenkreis wisse, möge ihn informieren, bat der freundliche alte Herr. Er werde alles daransetzen, im Archiv der CNSAS herauszufinden, ob der Betreffende nicht womöglich aus Angst vor der Securitate in den Tod gegangen war. Vergebung aller Sünden? Ja, aber erst nach der Aufklärung aller Verbrechen.

Weitere Themen

Hoffnung im Ansicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Ansicht der Apokalypse

Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und non-stop Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt, und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte erklärt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus.

Topmeldungen

Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.
Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.