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Securitate-IM „Walter“ : Ein Herzschlag aus Angst

Gespräche mit den Zuständigen: Werner Söllner spricht über seine Securitate-Verstrickung Bild: Frank Röth

Als Werner Söllner sich dem rumänischen Geheimdienst Securitate als Spitzel verschrieb, gab es den Dichter Söllner noch nicht. Nach mehr als dreißig Jahren erzählt er jetzt, wie beides in einem Leben möglich war.

          „Meine Erinnerungen - hat einer Verwendung dafür?“ Die Frage findet sich in Werner Söllners Gedicht „Winter der Gefühle“. Dann folgt eine Aufzählung: „Hier sind / zwei Stunden Freude, und da ein Herzschlag aus Angst, und das / ist ein Gespräch mit den Zuständigen, und dies eine Lüge, und / in diesen Schrank habe ich all meine Untaten gepackt, ein / Koffer voller Freundschaft, hier ist ein Bild von meiner Hoffnung.“ Dann ist noch von der Ruhe die Rede, die ebenso hin sei wie die Unschuld.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in Söllners Band „Eine Entwöhnung“, der 1980 in Bukarest erschien. Zwei Jahre später blieb der Lyriker nach einer Auslandsreise in der Bundesrepublik, wo 1988 sein Gedichtband „Kopfland. Passagen“ publiziert wurde. Söllners erstes Buch im Westen enthielt alte und neue Verse, darunter auch „Winter der Gefühle“, das nun erstmals in seiner ursprünglichen Form erscheinen konnte. Es war nur ein einziges Wort, das die Zensur in Rumänien beanstandet hatte: Statt von einem „Gespräch mit der Staatssicherheit“ durfte nur von einem „Gespräch mit den Zuständigen“ die Rede sein - als hätte in Rumänien nicht jeder gewusst, welche Zuständigkeit hier gemeint sein musste.

          „Winter der Gefühle“ entstand in den siebziger Jahren, und heute kann man es, wie so manche andere Zeile Söllners, nicht lesen, ohne an die Erklärung zu denken, mit der er sich in der vorigen Woche als früherer Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes offenbart hat (siehe auch: Wie sich der Lyriker Söllner als Securitate-Spitzel offenbarte). Aber damals, unter der Diktatur Ceauşescus, war ein Gespräch mit den „Zuständigen“ nichts Ungewöhnliches. Jeder Betrieb, jede Redaktion und jede Universitätsfakultät hatte einen für sie zuständigen „Hausgeist“, wie die Offiziere der Securitate genannt wurden. Was heute wie eine überdeutliche Botschaft erscheint, wie ein jedem Leser auf den ersten Blick verständlicher Kassiber, konnte damals ganz anders gedeutet werden. Nein, sagt Söllner und schüttelt langsam, sehr langsam den Kopf, er habe seine Verstrickung mit der Securitate nicht in seinen Gedichten verhandelt, jedenfalls nicht bewusst: „Ich würde gerne sagen können, dass ich versucht habe, diese Last literarisch aufzuarbeiten, aber das habe ich nicht getan. Was ich gemacht habe, das ist der Versuch, zumindest in einigen Gedichten der späten siebziger Jahre, Signale zu setzen, Signalwörter zu verwenden.“ Er blickt noch einmal in seinen alten Gedichtband, auf dessen Umschlag vier schwarze Geierkrallen nach einem Kind greifen, und schüttelt wieder den Kopf: „Nein, das ist natürlich kein codiertes öffentliches Geständnis im Freundes- und Leserkreis gewesen.“

          Der eigenen Erinnerungen misstrauen - und ihren Lücken

          Mehr als dreißig Jahre lang hat Werner Söllner nicht über jene drei bis vier Jahre in den Siebzigern gesprochen, in denen ihn die Securitate zur Zusammenarbeit zwang und in Verhören über Freunde und Kollegen ausfragte. Mehr als dreißig Jahre lang habe er aus „Schuld und Scham“ geschwiegen, nicht weil er verschweigen wollte, was damals geschehen ist, sondern weil ihm Kraft und Mut fehlten, seine Verstrickung offen zu bekennen: „Ich habe es einfach nicht geschafft.“ Erst als ihm im Herbst 2008 die Freunde Johann Lipet und Richard Wagner eröffneten, dass sie in ihren Opferakten Aussagen des IM „Walter“ gefunden hätten und sicher seien, dass es sich bei diesem Informanten nur um ihn handeln könne, fand Söllner die Kraft, sich zu offenbaren. Er ist den Freunden dankbar. Ob er den Schritt an die Öffentlichkeit ohne den Druck und das gute Zureden während langer Gespräche jemals gewagt hätte, vermag er nicht zu sagen: „Ich weiß es nicht.“

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