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Schwarzes Amerika : Wir haben alle diesen Zorn im Blut

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Womöglich wählt Amerika bald einen Schwarzen zum Präsidenten - und diskutiert über die Bedeutung dessen erstaunlich wenig. Der Autor Colm Tóibín hat jetzt Barack Obama mit James Baldwin, einem der größten Schriftsteller des Landes verglichen, mit Ergebnissen, die ins Herz des schwarzen Amerika treffen.

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          Als diese beiden Männer im Begriff waren, sich einen Namen zu machen, legten sie besonderen Wert auf die Feststellung, ihre Geschichte habe mit dem Tod des Vaters begonnen und sie seien ganz allein, ohne väterlichen Schatten, ohne väterliche Unterstützung, aufgebrochen.

          James Baldwin beginnt seine „Notes of a Native Son“, erschienen 1951, mit dem Satz: „Am 29. Juli 1943 starb mein Vater.“ Damals war er knapp neunzehn. Barack Obamas Erinnerungen „Dreams from My Father“ (Ein amerikanischer Traum), erschienen 1995, beginnen ebenfalls mit dem Tod des Vaters: „Einige Monate nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag erhielt ich die Nachricht von einer mir unbekannten Anruferin.“

          Die Vergangenheit des Vaters ist nicht die ihre

          Beide Männer stellen dann fest, wie fern ihnen der Vater war, wie einsam sie sich fühlten - und lassen doch keinen Zweifel daran, dass sie das Recht hatten, sich so selbstbewusst zu geben, weil sie, willensstark und entschlossen, nun ihre Stimme gefunden hatten und selbständig ihren Weg gingen. „Ich kannte meinen Vater kaum“, schrieb Baldwin. „Wir verstanden uns nicht, auch deswegen, weil wir, jeder auf seine Weise, starrsinnig und stolz waren. Nach seinem Tod wurde mir klar, dass wir kaum miteinander gesprochen hatten. Und später bedauerte ich, es nie versucht zu haben.“

          James Baldwin 1985
          James Baldwin 1985 : Bild: AP

          Barack Obama schreibt über seinen Vater: „Mein Vater war ein Mythos für mich, übergroß und irreal. 1963, als ich zwei war, hatte er Hawaii verlassen, so dass ich ihn nur von den Geschichten her kannte, die meine Mutter und meine Großeltern mir erzählten.“

          In beiden Fällen wollen die Autoren zeigen, dass die Vergangenheit des Vaters nicht die ihre war, sondern ein fremdes Land. „Er gehörte zur ersten Generation freier Menschen“, schreibt Baldwin. „Zusammen mit Tausenden anderer Neger kam er nach 1919 in den Norden, und ich gehörte zu jener Generation, die das Land, welches von Negern manchmal als ,Old Country' bezeichnet wird, nie gesehen hatte.“ Obamas Vater kam aus einem noch ferneren Land: „Ich erfuhr, dass er Afrikaner war, Kenianer vom Stamm der Luo, geboren in Alego am Viktoriasee.“

          Grenzenlose Möglichkeiten nur im Gottesdienst

          Obama erwähnt beiläufig, als junger Stadtteilarbeiter in Chicago habe er Baldwin gelesen, doch in seiner Autobiographie deutet nichts darauf hin, dass er sich Baldwins „Notes“ zum Vorbild genommen haben könnte. In beider Darstellungen ihrer Entwicklung finden sich bemerkenswerte Ähnlichkeiten und vergleichbare Schlüsselerlebnisse, nicht weil Baldwin Obama nachahmenswert erschienen wäre, sondern weil beide dieselben Hürden, ähnliche Verhältnisse und gleiche Momente der Wahrheit erlebten.

          Für beide waren die Kirche und eine intensive Religiosität Schlüsselerlebnisse. Beide reisten und wurden im Ausland, in der Umgebung nichtamerikanischer Schwarzer, auf erschütternde Weise ihrer amerikanischen Identität gewahr. In einer Zeit erbitterter politischer Zerwürfnisse in Amerika erkannten sie, dass es Werte gab, die sie mit der anderen Seite verbanden. Beide setzten ihre Wortgewandheit mit fast religiöser Inbrunst ein.

          Als Nordstaatler waren sie entsetzt über die Verhältnisse im Süden. Sie mussten sich dem Zorn, der Wut stellen, die in ihnen und ihresgleichen war, um sich von dem Gift zu befreien. Baldwin wurde der herausragendste amerikanische Stilist seiner Generation, Obama ist der erste schwarze Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Staaten - und fast scheint es, als hätten beide auf ihrem Weg bittersüße Weisheit aus derselben Quelle schöpfen müssen, da keine andere zur Verfügung stand.

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