https://www.faz.net/-gqz-yk9c

Schriftstellergespräch : Das Fernsehen schaut uns an

  • -Aktualisiert am

Peltzer: „'The Wire' ist ein Mittelding zwischen einer Dokumentation und einem total verplotteten Drama.” Bild:

Amerikanische Fernsehserien wie „Lost“, „Six Feet Under“, „The Wire“ oder „Mad Men“ machen dem Roman Beine. Auch unter Literaten trifft man immer öfter auf leidenschaftliche Serienseher. Drei bekennende Fans sprechen über ihre Liebe zur DVD-Box und die Folgen für das Schreiben.

          12 Min.

          Martin Kluger, Ulrich Peltzer und David Wagner: Sie alle sind als Romanciers und Erzähler bekannt. Wieso interessieren Sie sich für Fernsehserien?

          MARTIN KLUGER: Was soll daran so irre sein, dass sich drei Romanschreiber verschiedener Couleur und verschiedener Generationen dafür interessieren? Ich bin zweiundsechzig, ich erinnere mich gut an eine Zeit, in den späten Sechzigern, als bereits sehr gute - ausländische - Serien im deutschen Fernsehen zu sehen waren, „The Prisoner“ zum Beispiel, die Lord Grade für die britische Produktionsfirma ITC gemacht hat, absolut avantgardistisch, fast Godard-artig. Doch damals hat das Feuilleton geschwiegen, das war pfui. Dabei gab es sehr interessante Ansätze, episch-romanhafte Serien zu machen, auch in Deutschland, bei Robert Stromberger etwa, der „Tod eines Schülers“ geschrieben hat oder „Diese Drombuschs“. Jetzt erst kommen die Serien über den Umweg Amerika wieder im deutschen Kulturbetrieb an, und man wundert sich über die hohe Qualität.

          DAVID WAGNER: Solche hochkulturellen Abwehrreflexe finde ich auch noch bei mir selber. Bei „Lost“ zu Beispiel war es mir lange ein bisschen peinlich, dass ich die Serie so gut fand - weil es eigentlich um totalen Quatsch geht: um eine Insel, die sich bewegen kann, um absonderliche Zeitsprünge und so weiter. Diese Erzählform ist für mich an die Stelle von Schmökern getreten. Solch eine Serie entspricht den Abenteuerbüchern in früheren Lesealtern. Mittlerweile stehe ich auch dazu.

          Kluger: „Mich interessiert 'Lost' auch deswegen sehr, weil es mich befreit.”
          Kluger: „Mich interessiert 'Lost' auch deswegen sehr, weil es mich befreit.” : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Aber Sie würden die Trennung zwischen „E“ und „U“ schon noch vornehmen. Serien ersetzen also die Schmöker, nicht die ernstzunehmende Literatur?

          KLUGER: „Ernstzunehmende“ Literatur? (lacht) Was soll das sein, bitte?

          WAGNER: Mittlerweile ist das für mich gleichberechtigt mit der Lektüre. Ich schiebe die DVD in meinen Computer und kann damit ins Bett gehen, so wie ich sonst lese. Ich bin leider auch derartig seriensüchtig, dass ich mir die neuesten Folgen im Internet besorgen muss, sobald sie in Amerika gesendet worden sind. Man redet ja immer über die DVD-Box als das neue Schatzkästchen, aber in den vergangenen Jahren hatte das eher noch eine Art Kassiber-Charakter. Man kannte jemanden, der jemanden kannte, wie einen Dealer. Die Serien umgab auch der Mythos des Illegalen.

          Ulrich Peltzer, wie wurden Sie seriensüchtig?

          ULRICH PELTZER: Ich muss mehreres vorausschicken: Ich habe kein Fernsehen, zweitens wird mein Alltag nicht durch Programmschemata strukturiert. Drittens ist nach wie vor eher das Kino das maßgebliche Bildmedium für mich. Aber besonders bei Serien wie „The Wire“ und „Mad Men“ ist bereits früh bemerkt worden, dass da eine ganz neue Qualität des Erzählens entstanden ist - innerhalb einer Serie. Ob das bereits Kino-Qualität ist, wäre zu diskutieren. Aber „The Wire“ ist womöglich prototypisch für das, was Fernsehen leisten kann. Mich interessiert daran vor allem die narrative Struktur, wie das „Reale“ auf ganz neue Weise erzählt wird, die einen Bruch mit herkömmlichen Serien- und Kinofilmdramaturgien bedeutet.

          Was heißt das konkret?

          PELTZER: Bei „The Wire“, einer Crime-Serie, die ein Gesellschaftspanorama der Stadt Baltimore entwirft, entsteht so eine ganz neue Form realistischen Erzählens. „Mad Men“ dagegen spielt in einer New Yorker Werbeagentur in den frühen Sechzigern. Hier gelingt es, durch eine unglaubliche Eleganz der Bildgestaltung über viele Folgen hinweg atmosphärisch vorwegzunehmen, was in den kommenden Jahren an Veränderungen, an Explosionen passieren wird. Diese epische Breite können andere Formate nicht leisten, die notwendigerweise auf zwei, drei Stunden Film oder dreihundert Seiten Roman beschränkt sind.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Afghanistan : Eine Stadt in Angst

          Die Taliban stehen vor Kabul. Viele Einwohner der afghanischen Hauptstadt sind verzweifelt und fragen sich, ob sie fliehen sollen. Ein paar junge Frauen wollen kämpfen.

          Basketball-Star Luka Dončić : Schaut diesem Jungen zu!

          Luka! Die besten Basketballspieler werden beim Vornamen genannt. Der Slowene Dončić will in Tokio den Entertainern der USA die Show stehlen. Denn vielleicht ist seine erste Chance schon die letzte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.