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Roxana Saberi : Stolpern mit System

Vor der Verhaftung: Roxana Saberi bei der Recherche in Iran Bild: dpa

Die amerikanische Journalistin Roxana Saberi saß hundert Tage in einem iranischen Gefängnis. Warum, weiß sie immer noch nicht. In ihrem neuen Buch schildert sie die undurchschaubare Logik der Repression.

          5 Min.

          Jemand musste Roxana Saberi verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet. Sie wurde vom Türklingeln geweckt, sie erwartete keinen Besuch. Er habe einen Brief für sie, sagte der fremde Mann auf dem Monitor der Klingelanlage. „Würden Sie ihn bitte heraufbringen?“, fragte die junge Frau. „Aber gewiss“, antwortete der Mann und lächelte. Oben angekommen, schob er erst ein Blatt Papier durch den Türspalt, dann seinen Fuß, dann kamen drei weitere Männer. Sie durchsuchten Saberis Wohnung, konfiszierten CDs, Kontoauszüge und Pässe und nahmen die junge Frau mit zum Verhör. „Keine Sorge“, sagten sie. „Wenn Sie mit uns kooperieren, bekommen Sie Ihre Papiere zurück.“ Roxana Saberi wusste nicht, was das heißen soll, kooperieren, sie wusste nicht wozu und mit wem und warum ausgerechnet sie, aber sie sollte es lernen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie war nicht mehr fremd in Iran, an jenem 31. Januar 2009, an dem die Männer kamen, um sie abzuholen. Sechs Jahre schon lebte und arbeitete die amerikanische Journalistin in Iran, im Land, aus dem ihr Vater Reza stammte. In Japan hatte Reza Saberi seine Frau Akiko kennengelernt, in Amerika fand die Familie eine zweite Heimat, die Roxanas erste wurde: Fargo, North Dakota. Sie war eine sehr gute Amerikanerin, sie spielte Soccer und Klavier, mit zwanzig wurde sie Miss North Dakota.

          Doch weil sie das Land ihres Vaters von Fargo aus so schlecht erkennen konnte, zog sie 2003 nach Iran. Sie schrieb sich an der Universität Teheran für Iranistik ein, und nebenher arbeitete sie als freie Journalistin für das amerikanische National Public Radio (NPR) und den britischen Sender BBC. 2006 entzog man ihr die Akkreditierung, aber niemand verbot ihr, weiterzuarbeiten, niemand riet ihr davon ab, wie bisher durch das Land zu reisen und Interviews für ihr Buch zu führen, in dem sie das Land vorstellen und seine Menschen zu Wort kommen lassen wollte: Unternehmer, Lehrer, Künstler und Taxifahrerinnen, Reformer und Konservative.

          Logik der Repression

          Jetzt sitzt Saberi, 33, in einem kleinen Hinterzimmer des Eichborn-Verlags in Frankfurt und spricht über ein ganz anderes Buch, spricht über jene „Hundert Tage“, die sie ins Evin-Gefängnis gesperrt wurde, obwohl sie versuchte, zu kooperieren, und weil sie es dann nicht mehr tat. Sie spricht mit sanfter Stimme, konzentriert, kontrolliert, das Raster der hundertfachen Nacherzählung bändigt die Emotionen, und auch die Fassungslosigkeit über die Anschuldigungen, die gegen sie vorgebracht worden waren, ist einer gewissen Abgeklärtheit gewichen.

          In Saberis Buch allerdings ist alles noch präsent: die skandalösen Bedingungen der Haft, die Todesangst, die Gewissenskonflikte. Was aber dieses Buch so lesenswert macht, sind ihre genauen Erinnerungen an die Verhöre und Verhandlungen mit den Vertretern des Regimes, mit Wächtern, Agenten, Richtern. Von der ersten Befragung an wird sie zur Figur eines politischen Strategiespiels, dessen Regeln nicht einmal die Spieler vollständig zu kennen scheinen. Und wenn dabei auch naturgemäß die Methoden und Motive der Behörden nicht völlig transparent werden, liefert Saberis Bericht doch seltene Einblicke in eine Logik der Repression, die sich irgendwo zwischen Perfidie und Irrsinn bewegt.

          Alles wird zum Verdacht

          Sie arbeite als Agentin für die CIA: So lautet die Beschuldigung, mit der Saberi konfrontiert wird, und wer die Protokolle der Verhöre liest, die sie aus dem Gedächtnis rekonstruiert hat, der wundert sich zunächst, wie sehr ihre Vernehmer tatsächlich an die eigene Propaganda zu glauben scheinen. Warum sie in den vergangenen Monaten so viele Leute interviewt habe, wird sie gefragt, kein Mensch würde so viel für ein einziges Buch recherchieren, und überhaupt sei es eine beliebte Taktik der CIA, ein Buchprojekt als Vorwand zu benutzen, man kenne das schon. Irgendwie verdächtig war auch, mit wem Saberi gesprochen hat, nämlich mit allen möglichen Leuten: „Warum haben Sie Reformer interviewt, Sie wissen doch, dass manche davon dem Regime kritisch gegenüberstehen?“ - „Ich habe Interviews mit Politikern sämtlicher Coleur geführt“, antwortet Saberi. „Auch mit konservativen Parlamentsabgeordneten.“ - „Das wissen wir“, sagte der Beamte. „Was maßen Sie sich überhaupt an, all diese Leute zu interviewen? Wer hat Sie beauftragt?“

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