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Robert Darnton zum Siebzigsten : Der Revolutionär des Wissens

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Er braucht einfach das Über-Buch: Robert Darnton, Historiker und Buchwissenschaftler Bild: Harvard University News Office

Der Buchhistoriker hat sein eigenes E-Book erfunden, ein räumliches Gebilde mit Horizontaler, Vertikaler und mehreren Geschossen. An diesem Sonntag wird er siebzig Jahre alt. Warum Robert Darnton der Mann der Stunde ist.

          Seit Juli 2007 ist der Historiker Robert Darnton, der fast vierzig Jahre in Princeton gelehrt hat, Professor in Harvard und Direktor der bedeutenden Universitätsbibliothek. Seither wird er immer wieder um Stellungnahmen zu jenem ungeheuren Unternehmen der Digitalisierung der Bibliotheksbestände durch die Firma Google gebeten, die auch Partner von Harvard ist (siehe auch: Wir wollen unseren geistigen Reichtum mit der ganzen Welt teilen). Man hat dort nämlich eine wichtige Initiative ergriffen, indem man den Gesamtbestand an Büchern und Zeitschriften im Internet zugänglich machen will (siehe auch: F.A.Z.-Spezial zum Google Book Settlement). Ein weiter gehendes, mehr internes Projekt von Harvard soll darüber hinaus aktuelle Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Veröffentlichungen in Netz zu stellen, kostenlos und für jedermann - eine Antwort auf die horrenden Preise wissenschaftlicher Zeitschriften. Beide Vorhaben sind umstritten. Die Digitalisierung berührt darüber hinaus schwierige Fragen des Copyrights und des geistigen Eigentums.

          Robert Darnton hat immer wieder betont, dass Harvard die Autorenrechte respektieren und das geistige Eigentum schützen werde. Doch in jüngster Zeit melden sich Zweifel gegenüber dem monumentalen Projekt des Privatunternehmens Google, das in Bibliotheken gesammelte Wissen im Netz zu vereinen. Auch wenn Autorenrechte beim Aufbau dieser Bibliothek respektiert werden, weiß doch niemand, was „Copyright“ noch heißen kann, wenn einmal alles digitalisiert ist. Robert Darnton hat unlängst in einem Artikel im „New York Review of Books“ bedauert, dass staatliche, nicht kommerzielle Institutionen es versäumt hätten, eine neue digitale Bibliothek von Alexandria zu gründen, die allein dem Interesse der Verbreitung und der Zugänglichmachung des Wissens gedient hätte. Nun, nach der Initiative von Google, ist es zu spät, und auch Harvard leistet dem Unternehmen seine Dienste.

          Revolutionäre aus der zweiten Reihe

          Wer so viel über die Verbreitung des Wissens, ihr Personal und ihre materiellen Träger, geforscht hat wie Robert Darnton - er ist einer der führenden Buchhistoriker unserer Zeit und hat den Weg von bescheidenen Anfängen dieser Disziplin bis zu ihrer heutigen Blüte entscheidend mitbestimmt -, musste dem Harvardprojekt und der Google-Vision von Anfang an gewogen sein. Für den Kenner des achtzehnten Jahrhunderts, in dem es zur Explosion des Buchgewerbes und zur Durchsetzung des Copyrights kam, ist es gewiss faszinierend, den Aufklärungsideen der Verbreitung des Wissens und der Teilhabe aller Menschen an ihm auf einer neuen technischen Stufe wiederzubegegnen - und sich zu fragen, ob dies nun die adäquate und endgültige Verwirklichung der Aufklärungsidee ist.

          Es fasziniert Darnton offenbar, an dieser neuen Phase einer emphatischen Idee von Kommunikation teilzunehmen. Und diese Faszination ist umso größer, als er in seinen buchgeschichtlichen Forschungen an einen Punkt gekommen war, an dem einzig das elektronische Buch in seinen Augen noch helfen konnte, die Darstellungsprobleme zu bewältigen. Man muss rekapitulieren: 1965 stieß Darnton in der Stadtbibliothek von Neuchâtel in der Schweiz auf ein völlig unerschlossenes, riesiges Archiv. Es enthielt den Nachlass von Verlagen, die sich in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts an der französischen Grenze niedergelassen hatten, um von hier den französischen Buchmarkt zu beliefern. Dieses Archiv, das über Schmuggler, Geldflüsse, Autoren, Spione, Raubdrucker, ja über alles Auskunft gab, was mit dem Buchmarkt im weitesten Sinne zu tun hatte, wurde die Hauptquelle für Darntons wichtigste Bücher wie „The Business of the Enlightenment“ oder sein Werk über den „literarischen Untergrund“. Letztlich ist der brillante Erzähler Darnton, der Liebhaber von Anekdoten und Porträtist von Revolutionären der zweiten Reihe, in diesem Archiv herangewachsen.

          Ein räumliches Gebilde mit Horizontaler, Vertikaler und mehreren Geschossen

          Nicht nur war diese Quelle - das Archiv der Société Typographique de Neuchâtel - so ungemein ergiebig, dass sie auch über die Buchgeschichte hinaus führte, auch der Historiker, der sie anzapfte und auszuschöpfen suchte, bewies eine bemerkenswerte Zähigkeit. Aber er kam an seine Grenzen. Wie er einmal gesagt hat: „Ich hatte zu viel Informationen.“ Das war für Robert Darnton, der als Revolutionshistoriker mit einer bedeutenden Darstellungstradition einer Epoche nur zu gut vertraut war, der Anstoß, um über neue Formen der Kommunikation von Wissenschaft nachzudenken. Seit den neunziger Jahren hat Darnton mit dem E-Book experimentiert, und im Unterschied zu vielen, die darin nur eine größere Datenmenge sehen, hat er sich mit der Strukturierung von Quellenmaterial beschäftigt. Fünfzigtausend Briefe allein im Neuchâteler Archiv oder die unübersehbaren Revolutionsdokumente, wie kann man sie zusammen mit Kommentaren, Illustrationen, Fußnoten und Dokumenten so bündeln, dass ein übersichtliches Werk herauskommt? Das E-Book, wie Darnton es konzipiert hat, ist ein räumliches Gebilde mit Horizontaler, Vertikaler und mehreren Geschossen. Ein Über-Buch.

          Wie hier hat Robert Darnton, der an diesem Sonntag siebzig Jahre alt wird, seine Findigkeit und sein großes Handwerk genutzt, um praktische Lösungen für das Aufklärungsprogramm der Wissensvermehrung und ihrer Mitteilung herauszufinden. Er ist, wie Schopenhauer es genannt hätte, ein Aufklärungsbesorger.

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