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Peter Handkes Besuch bei Radovan Karadžić : Die Gedichte des Dr. K.

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Ebenfalls dabei ist der Philosophieprofessor und Hegel-Experte Aleksa Buha, damals Außenminister der Republika Srpska, der Handke Karadžićs Einladung zu dem Treffen überbracht hat. „Für mich war das ganz selbstverständlich, dass ich hingehe“, sagt Handke heute. „Man will die Geschichte ja verstehen, also geht man hin. Das würde ich jederzeit wieder machen.“ Karadžić erhebt sich von seinem Stuhl, begrüßt seine Gäste und lässt Sliwowitz einschenken. „Wahrscheinlich waren da am Tag drei, vier andere Delegationen, die er empfangen hat in seinem Vorexil“, erinnert sich Handke, „ich bin gar nicht sicher, ob er überhaupt mitgekriegt hat, wer ich war.“

Handkes Auftrag

Doch Karadžić, der bereits seine Flucht vorbereitet, weiß genau, wen er vor sich hat. Schon in den achtziger Jahren hat er Theaterstücke von Handke gelesen. Auch von der „Winterlichen Reise“ hat er gehört. „Er hat gewusst, dass ich einer bin, der die Serben nicht so sieht, wie die Monderoberer das sehen.“

Die beiden überreichen sich gegenseitig Bücher: Handke hat eine Übersetzung der „Winterlichen Reise“ im Gepäck, Karadžić schenkt ihm eine signierte Auswahl seiner Gedichte. Handke kann die Widmung nicht entziffern: „Der schreibt ja wirklich wie ein Mediziner.“ Doch er ist Karadžićs Einladung nicht gefolgt, um Bücher auszutauschen. Er hat einen Auftrag. Zwei bosnische Muslime, die er aus Salzburg kennt, haben ihm von Verwandten ihrer Familie erzählt, die bei Srebrenica vermisst werden. Handke hat sich die Namen und Geburtsdaten der Vermissten auf einen Zettel aufschreiben lassen, den er mit nach Pale nimmt. „Dann habe ich dem Radovan Karadžić die Liste der Leute gegeben, und ich weiß noch genau: er hat gesagt – aber ganz ernsthaft – er wird sich drum kümmern.“

Der bosnische Serbenführer ist verblüfft darüber, wie hartnäckig Handke ihn ausholt. „Er schien die Ereignisse auf dem Balkan genau verfolgt zu haben und stellte mir harte und bohrende Fragen“, erinnert sich Karadžić 2009 im Gefängnis des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. „Er befragte mich über den Krieg, die Ereignisse vom Vorjahr in Srebrenica, die Hintergründe des Konflikts und die Leiden der bosnischen Bevölkerungsgruppen.“

Wenige Wochen nach dem Treffen taucht Karadžić unter und geistert zwölf Jahre lang unerkannt als Wunderheiler Dragan Dabić mit Rauschebart und langem Zopf über den Balkan. Erst im Sommer 2008 fliegt seine Tarnung auf, Karadžić wird in Belgrad verhaftet und an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt.

Was mit den vermissten Verwandten seiner Salzburger Freunde geschehen ist, hat Handke niemals erfahren. „Das war eigentlich die Hauptsache, aber ich hab’ da nie eine Antwort bekommen.“ „Gericht muss wohl sein“, schreibt Handke 2006, zehn Jahre nach seinem Besuch bei Karadžić, „im Fall Milošević ebenso wie ungleich dringlicher und da auch, so oder so, endliche Aufklärung versprechend!, in den Fällen des Radovan Karadžić und Ratko Mladić, und, auf der anderen Seite, etwa der muslimischen Mudschaheddin.“

Beim Meister der Dämmerung: Wie Malte Herwigs Handke-Biographie entstand

Am 16. Dezember 2009 besuchte der Germanist Malte Herwig Peter Handke in dessen Wohnort Chaville bei Paris. Dabei bestätigte der Dichter, dass er im Dezember 1996 in der bosnischen Stadt Pale ein Gespräch mit Radovan Karadžić geführt hatte. Kurz darauf tauchte der Serbenführer unter. Im selben Jahr hat Handke seinen proserbischen Bericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ veröffentlicht. Das Buch trägt den Untertitel „Gerechtigkeit für Serbien“, was heftige Kontroversen auslöste. Dem Dichter wurde die Verharmlosung serbischer Kriegsverbrechen vorgeworfen, er selbst behauptete, differenzierter zu urteilen als die Medien.

Für seine Handke-Biographie, die jetzt unter dem Titel „Meister der Dämmerung“ bei der DVA erscheint, hat Herwig zahlreiche bislang unbekannte Dokumente gesichtet und Quellen erschlossen. Er sprach 2009 auch mit Karadžić - der Psychiater hatte zwölf Jahre lang unerkannt als Wunderheiler auf dem Balkan gelebt. Im Sommer 2008 wurde Karadžić in Belgrad verhaftet und an das UN-Tribunal in Den Haag überstellt. Dort wird ihm seither der Prozess gemacht, unter anderem wegen des Massakers in Srebrenica. Er weist jegliche Schuld von sich.

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