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Oskar Pastiors Spitzelberichte : Die Schule der Schizophrenie

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Pastiors Berichte bedingten einen Selbstmord

Zu der Gruppe „meiner“ Autoren gehörte Oskar Pastior, der damals schon der verehrte „Meister“ für uns Jüngere war, vor allem für den Lyriker Georg Hoprich, der Oskar anhimmelte und der ein enger Freund von ihm wurde. Hoprich kam damals wegen eines einzigen „staatsfeindlichen“ Gedichts für Jahre ins Gefängnis und beging nach seiner Entlassung Selbstmord. Ich war nicht ganz unvorbereitet darauf, dass mit meinen Akten auch die fünf Strafdossiers („dosare penale“) von Hoprich auf meinen Tisch kamen. Erst ein kürzlich in Bukarest geführtes Gespräch mit Hans Bergel, dem rumäniendeutschen Schriftsteller und Generationsgenossen Pastiors, brachte für mich Klarheit: Pastior war auch auf Georg Hoprich „angesetzt“ und hatte Spitzelberichte über ihn geschrieben. (Einer war sogar, ohne Namensnennung, zum Jahrestag von Hoprichs Selbstmord in der Zeitschrift „Vierteljahresblätter“, München 1/1979 erschienen.)

Die Einsicht in meine Akte mit den „Maßnahmeplänen“ der Securitate zur Überwachung von „Schlesak Dieter“ durch Freunde-Spitzel brachte letzte Klarheit, dass der wichtigste meiner Schatten „Stein Otto“ alias Oskar Pastior und seine Spitzelberichte über mich, die „Note informative“, waren. Bisher fehlten sie; als im September bekannt wurde, dass Oskar Pastior IM gewesen war, hofften alle, dass es keine Spitzelberichte von ihm gab. Ich selbst habe Oskar in der „Zeit“ verteidigt, versucht, seine Tat durch die Hölle jener Zeit und die Angst, ja auch Feigheit zu erklären: ausgelöst durch die dauernde Folter-, Lager- und Gefängnisdrohung, der ja auch ich ausgesetzt war und die als wirksames Erpressungsmittel von der Securitate eingesetzt wurde.

Dichtung und Wahrheit stark verflochten

Doch meine Verteidigungsrede entsprach einem früheren Kenntnisstadium, vor Lektüre der Akten und der Kenntnis des Falls Hoprich. Das ist die übliche Unsicherheit und Abgründigkeit des Securitate-Systems, in dem unzählige Verflechtungen und Perspektiven, „Dichtung und Wahrheit“ in der Paranoia der Behörde, aber auch der Spitzel das „Netz“ bestimmen, das als ganzes „Netz“ aber niemals erkennbar wird. Alles bleibt nur Annäherung, auch im Absurden: Das muss uns zur größten Vorsicht bei den Einschätzungen der Spitzeltätigkeiten anhalten. Manches gleicht eher einem Dokumentarroman als einem Tatsachenbericht, den man wissenschaftlich lesen könnte - so auch bei der Tragödie Hoprich, die Pastior, der diese Freundschaft ebenso wie die zu mir offenbar zu Spitzelzwecken ausgenutzt hat, mit zu verantworten hat.

Von Bergel erfuhr ich den „Roman“: „Stein Otto“ ist auch nach der Entlassung Hoprichs aus der Haft immer wieder nach Hermannstadt gefahren, um Hoprich zu treffen und Berichte zu schreiben. Nicht nur er, sondern viele Agenten und Offiziere beobachteten Hoprich rund um die Uhr. Dieser wurde dadurch, dass so die Gefängnistraumata stets wieder hochkamen, ebenso wie die Angst, erneut eingesperrt zu werden, so fertiggemacht, dass er sich 1969 umbrachte. Seine Ehefrau hatte alles versucht zu helfen; sie war zur Securitate gegangen, um dort zu erbitten, die Beobachtung ihres Mannes einzustellen, da sie um sein Leben fürchte. Ein Offizier verliebte sich in sie und offenbarte ihr, dass Hoprichs bester Freund, Oskar Pastior, der Hauptspitzel sei, und gab ihr Berichte als Beweis mit. Am 9. April 1969 nahm sich Georg Hoprich das Leben.

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