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Open mike in Berlin : Nicht ohne meinen Großvater

  • -Aktualisiert am

In der Generationenkette: Inger-Maria Mahlke und Matthias Senkel Bild: Julia Zimmermann

Wenn das Handy sinnlos klingelt: Beim Berliner Festival Open mike, das als wichtigste Talentschmiede für den literarischen Nachwuchs gilt, zeigte sich selbiger in diesem Jahr auffällig intensiv mit der Ahnenforschung befasst.

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          Der Berliner Open mike, der im vor literarischem Enthusiasmus summenden Kulturzentrum „Wabe“ zum siebzehnten Mal stattfand, hat einen großen Ruf zu behaupten: als wichtigster Talentschuppen der jungen deutschen Literatur. Unter siebenhundert eingesandten Manuskripten hatten die sechs Lektoren die Teilnehmer der Endrunde auszuwählen. Unter all den Schreibversuchen, die ums liebe Ich, die liebe Familie oder die Liebe an und für sich kreisen, sollten sie jene heraussuchen, die am ehesten literarische Formung erkennen lassen. Das ist – Lektors Leid – selten genug der Fall.

          Auch die Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs boten keine perfekte Literatur. Aber gerade das machte auch ihren Reiz aus. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und der war hier spürbar. Man erlebte Talente, die noch keine Routinen ausgebildet haben, die ihr Formgefühl und Welt-Bild gerade erst entwickeln. Solche ersten Schwimmzüge sind etwas ganz Besonderes. Auch wenn den Beteiligten meist klar war: Das muss noch besser werden.

          Literarischer Mehr-Generation-Vertrag

          In diesem Jahr kam keiner der Autoren mit Sampling-Maschine, Rasierklinge oder Pappnase auf die Bühne, niemand klebte sich seinen Text auf die Stirn oder verspeiste ihn genüsslich nach der Lesung. Kein einziges Mal musste der Wecker schellen, um einen Vortrag mittendrin abzuschneiden. Die Jury (Ursula Krechel, Jens Sparschuh und Kathrin Röggla, die selbst 1993 zu den ersten Preisträgern gehörte) lobte die „Disziplin“ der Autoren. Die üblichen, selbst schon wieder zum Klischee gewordenen Vorwürfe – zu viel Nabelschau, zu viel Prenzlauer-Berg-Befindlichkeit – wurden diesmal nicht erhoben. Weltläufigkeit liegt offenbar im Trend, und so gab es Cowboy-Gedichte aus New Mexiko, fotografische Szenen im Central Park, Verwirrung der Gefühle in China. Eher manieriert wirkt es allerdings, wenn in den Erzählungen ständig Mobiltelefone klingeln. Nur wenige dieser Anrufe sind wirklich literarisch indiziert.

          Auch die lange beliebten Abrechnungen mit den Eltern sind passé. Eltern sind offenbar nicht der Rede wert, anders als die Großmütter und Großväter mit ihrer Bedrohtheit von Krankheit und Tod, ihren Narben authentischer Erfahrung und ihren Auskünften aus der Zeitentiefe. Nicht ohne meinen Opa – so lautete deshalb in diesem Jahr die Devise der jungen Autoren. „Seit Omas Tod ist Opa wieder der Alte“, begann eine der Geschichten. „Wir dachten immer, unsere Großeltern wären unkaputtbar“, blödelte eine andere. Der Siegertext des 1977 geborenen Matthias Senkel trieb den literarischen Mehr-Generationen-Vertrag ironisch auf die Spitze: „Theodor Leudoldt, der Großvater meines Urgroßvaters Franz Gründel, aß sein halbes Leben lang nur dünne Suppen.“

          Schöner verbinden

          Ausgehend von der Pistole des besagten Urgroßvaters und dem Unheil, das sie anrichtet, entwickelt Senkels Romanausschnitt „Peng. Peng. Peng. Peng“ ein weitverzweigtes Familiendrama. Mehr „Winkelzüge des Schicksals“, mehr Kriege, Naturkatastrophen und gewaltsame Tode sind auf sieben Seiten nicht zu schaffen. Der ansonsten zur epischen Breite tendierende Familienroman wird einem Hochdruck-Kompressionsverfahren unterzogen; sehr interessant, sehr komisch, sehr vielversprechend. Ob Senkels Erzähltechnik auf Romanlänge funktioniert oder nur auf kurzer Strecke Effekt macht – man wird es hoffentlich bald nachprüfen können.

          Ebenfalls mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde die Erzählung „Potulski I“ von Inger-Maria Mahlke, eine atmosphärische Studie über einen alten Griesgram und seine verlotterte Wohnung. Höhepunkt ist die Entblößung einer „enormen“, leider deformierten weiblichen Brust – die ebenfalls nicht mehr ganz jugendfrische Besucherin Frau Potulski meint es gut mit dem alten Herrn und seinen altersfleckigen Händen.

          Urs Engeler, zuständig für die Gedicht-Auswahl, pries die aktuelle Blüte der Lyrik und den Reichtum an jungen Talenten. Für die Verlage nur ein „marginales Geschäft“, bewährt sich die Gattung als ästhetisches Spielfeld jenseits kommerziellen Erwartungsdrucks. Nicht selten ist die Open-mike-Lyrik allerdings ins Kryptische verliebt, wie die Verse von Carolin Dabrowski, bei deren Vorstellung Engeler meinte: „Da höre ich manches, von dem ich keine Ahnung habe, was es ist. Ich weiß nur, dass es ist – in diesen Gedichten.“ Schöner kann man Begeisterung und Ratlosigkeit nicht verbinden.

          Der Lyrikpreis ging zu Recht an den 1979 in Völklingen geborenen Dichter Konstantin Ames. „Witz, der sitzt“ und „absolut sichere Tonführung“ wurde seinen Gedichten attestiert. Ein Ton ist das, der lustvoll Haken schlägt, dadaistische Sentenzen prägt, den Benn-Sound verballhornt, Wörtern Buchstaben ausschlägt oder sie ins Pseudo-Mittelhochdeutsche umschreibt und schließlich auch manchen Kalauer fürs Linguisten-Kabarett nicht verschmäht: „Banane ist Hase, ich weiß von Nutz.“ Wer Lyrik als Wortlabor und Sprachspiele für Fortgeschrittene schätzt, der ruft hier mit dem Autor aus: „eminent usbekisch“, „Jenny aal“!

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