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Neuübersetzung von „Anna Karenina“ : Wie machen Schnepfen?

  • Aktualisiert am

Für ihre Übersetzung von „Anna Karenina“ ist Rosemarie Tietze für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein Gespräch über Lew Tolstoi, die Schnepfenjagd und die Tücken eines berühmten ersten Satzes

          7 Min.

          Für ihre Übersetzung von „Anna Karenina“ ist Rosemarie Tietze für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein Gespräch über Lew Tolstoi und die Tücken eines berühmten ersten Satzes.

          Sie haben „Anna Karenina“ grandios neu übersetzt. Mehr als zwanzig Übersetzungen ins Deutsche gab es schon, die letzte erschien vor fünfzig Jahren. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Vorgänger?

          Rosemarie Tietze: Ich bin sicher mehr auf stilistische Eigenheiten von Tolstoi eingegangen, als das in früheren Übersetzungen der Fall war. Wiederholungen zum Beispiel waren bisher meistens geglättet worden. Man hat sich wohl gesagt, das mag im Russischen schön und gut sein, aber im Deutschen vermeidet man Wiederholungen. Ich habe Russen gefragt, wie ist das für euch, wenn ihr Tolstoi lest? Und merkwürdigerweise kam dann oft so was wie, na ja, schön schreibt er ja nicht.

          Ein bessener Arbeiter: der russische Großschriftsteller Leo Tolstoi
          Ein bessener Arbeiter: der russische Großschriftsteller Leo Tolstoi : Bild: picture-alliance / dpa

          Aha. Also anders, als wir dachten.

          Genau. Aber was heißt: schön schreibt er ja nicht? Dann kam eine gegenläufige Meinung von einem Moskauer Lyriker. Der sagte, wie bitte, schön schreibt er nicht? Dann weiß ich nicht, was die Leute für schön halten! Er hatte zufällig gerade zum ersten Mal seit der Schule „Anna Karenina“ wieder gelesen und sagte, er sei völlig hin und weg, das sei gebaut wie Lyrik. Das bedeutet, diese Irritationen sind von Tolstoi gewollt. Ich nehme inzwischen an, dass Tolstoi ganz bewusst in einer Weise schrieb, die zunächst nicht als schön empfunden werden mag.

          Das Deutsch Ihrer Übersetzung klingt allerdings wunderschön. Mühelos, elegant und leichtfüßig.

          Ja, aber es muss gleichzeitig ein Sog entstehen, und das passiert eben oft durch Wiederholung. Liest man die Sätze langsam, fallen einem die Wiederholungen womöglich als störend auf. Liest man sich aber in ein gewisses Tempo hinein, entsteht ein Sog, eine Leichtigkeit, so dass man die Sprache schön findet.

          Der Roman hat 1200 Seiten. Tolstoi hat fünf Jahre daran geschrieben, wie lange haben Sie gebraucht?

          Ich habe mich beeilt und das Ganze in etwas über zwei Jahren geschafft.

          Wie nahe ist Ihnen Tolstoi dabei gekommen?

          Ich hatte von Tolstoi anfangs eine ganz schlechte Meinung. Vor Jahren habe ich mit einer Kollegin die Tagebücher seiner Frau übersetzt, da war ich natürlich immer auf ihrer Seite und hab' mich über den Alten aufgeregt. Er war bestimmt kein sympathischer Mensch und für seine Umgebung schwer zu ertragen. Aber wenn man dann sieht, wie er arbeitet, wie er von Fassung zu Fassung seine Texte verändert, ist man platt vor Bewunderung.

          Es heißt, er habe Anna Karenina anfangs als abschreckendes Beispiel darstellen wollen - die Ehebrecherin, die gefallene Frau - und sich beim Schreiben dann in sie verliebt.

          So würde ich das auch sehen, ja. Und es trifft auch nicht nur auf „Anna“ zu, das war seine Arbeitsweise. Zuerst hatte er ein vages Schema. Und bei jeder neuen Fassung hat er es angereichert, die Gestalten wurden immer gebrochener und vielfältiger. Anfängliche Vorlieben oder ein Missmut gegenüber einer bestimmten Figur traten in den Hintergrund und wandelten sich in eine ganz andere Dimension.

          Die Arbeit eines Übersetzers wird oft übersehen oder fällt auf, wenn sie nicht gelungen ist. Dabei ist es ein kreativer Beruf. Könnte man ihn mit der eines Musikers vergleichen? Alfred Brendel interpretiert Mozart ja anders als Lang Lang.

          Ganz genau. Da sehen Sie aber auch den Unterschied in der Rezeption von Musik und Literatur. Wer Musik liebt, hört sich bewusst verschiedene Interpretationen an. In der Literatur beginnt das jetzt erst. Dass Leute sich ein Buch noch mal kaufen, wenn sie hören, eine Übersetzung sei interessant. Ich selbst vergleiche meine Arbeit gern mit der eines Schauspielers: Ich interpretiere das Werk eines anderen, spiele es nach in meiner Sprache.

          Das bedeutet, ich könnte Sie, Rosemarie Tietze, heraushören aus verschiedenen Büchern, die Sie übersetzt haben?

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