https://www.faz.net/-gqz-xps1

Massentierhaltung : Etwas stimmt nicht mit der Welt

Die im Dunkeln sieht man nicht: Truthähne in Kalifornien vor Thanksgiving, zu dem Amerika über 40 Millionen „Turkeys” braucht Bild: AFP

Er ist ein Günter Wallraff der Mastbetriebe und ein Philosoph, der den Ton trifft: Der Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat in seinem neuen Buch Massentierhaltung beschrieben. Viele Leser sind nach der Lektüre schon Vegetarier geworden. Jetzt erscheint das Buch auf Deutsch.

          4 Min.

          Wenn ein Buch die Kraft hat, die Welt zum Fleischverzicht zu bekehren, dann ist es Jonathan Safran Foers neues Werk „Tiere essen“, das nächste Woche in den Buchhandel kommt. Gerade weil es keine Bekehrungsschrift ist, kein rigoristisches Pamphlet, sondern ein skrupulöser literarischer Bericht, der seine Argumente nur tastend und zögernd entfaltet – gerade deshalb ist „Eating animals“ in Amerika ein vieldiskutierter Bestseller geworden.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Viele Leser erklärten, nach der Foer-Lektüre zum Vegetarier geworden zu sein. Doch für wie lange? Für eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr? Foer setzt weniger auf den Schock-Effekt, die die Berichte aus den Ställen der Massentierhaltung auslösen, sondern auf die allmählich Verfertigung einer anderen Perspektive, eines anderen Vokabulars, in dem es nicht länger „Fleisch essen“, sondern „Tiere essen“ heißt. Eine Perspektive und ein Vokabular, in dem die Verbindung zwischen der Kreatur im Mastbetrieb und dem Stück Steak auf dem Teller sinnfällig wird, statt sich in der Abstraktion einer globalen Verwertungskette zu verlieren.

          „Ich bin der Typ, der mitten in der Nacht in eine Farm einsteigt“: Vielleicht sollte man diesen Bericht eines anonymen Tierrechtlers, den Foer in seinem Buch dokumentiert, als Einführung lesen. In diesem Bericht eines ehemaligen „Nachschneiders“ – „das heißt, ich musste den Tieren, die den Halsschnittautomaten überlebt hatten, die Kehle durchschneiden“ – wird das Geschäftsmodell der Massentierhaltung auf zwei lapidare Sätze gebracht: „Massentierbetriebe berechnen genau, wie dicht am Tode sie die Tiere halten können, ohne sie umzubringen. Wie rasant man ihr Wachstum beschleunigen, wie eng man sie packen kann, wie viel oder wenig sie fressen, wie krank sie sein können, ohne zu sterben.“

          Jonathan Safran Foer
          Jonathan Safran Foer : Bild: Andreas Pein

          Skandal der Massentierhaltung

          Am schwierigsten an seinem neuen Buch sei nicht die Recherche gewesen, sagt der Romancier Foer, sondern den richtigen Ton zu treffen. Tatsächlich ist es dem Autor gelungen, das Thema Vegetarismus aus der rigoristischen Ecke zu holen und ihm die manichäische Spitze zu nehmen, den sektiererischen Ungeist. Foer hat so viel Vertrauen zu seinem Gegenstand, dem Skandal der Massentierhaltung, dass er bei aller Drastik der Darstellung sich einen entgegenkommenden, ja versöhnlichen Ton erlaubt.

          Er enthält sich rigoristischer Forderungen – ein bisschen Fleischverzicht, donnerstags zum Beispiel, sei fürs Erste schon genug – und, was noch mehr einnimmt: Foer verzichtet auf jede ethische Selbstgewissheit, die bei diesem Thema doch so leicht zu haben wäre. Die Plausibilität ist demnach zunächst auf Seiten der Fleischesser, die es sich schmecken lassen wollen, egal, woher die Truthahnbrüstchen kommen. Das ist die strategische Grundannahme des Buches, von der Foer ausgeht, um sie mit seinen Reportagen aus der klinischen Mastwelt zu erschüttern.

          Das Buch geht den Vegetarismus nicht als Prinzipienfrage an, das ist seine Pointe. Es gibt in dieser Hinsicht einen Schlüsselsatz: „Dass die Geflügelindustrie so riesig ist, bedeutet: Wenn mit dem System etwas nicht stimmt, dann stimmt mit der Welt etwas nicht.“ Eine schuldlose Schuld, so liest man diesen Satz, steht hinter der Degradierung des Tieres zur Sache. Foer ist moralphilosophisch ein Konsequentialist. Sein Buch liest sich auch als Test auf dieses Verfahren, das Verbotene von den Folgen des Erlaubten her zu bestimmen.

          Qual und Verenden des einzelnen Tieres

          Der Autor verfasst „Tiere essen“ als ein Günter Wallraff der Mastbetriebe, leistet harten investigativen Journalismus, er schreibt hier aber auch als Philosoph über die beste aller Welten. Er bildet sich nicht ein, das System der Massentierhaltung aus den Angeln heben zu können, nur weil es nach seinem Buch mehr Vegetarier geben wird als zuvor. Denn aus diesem System spricht eine Schlechtigkeit, die sich kulturell mildern, aber nicht ausrotten lässt. Mit anderen, mit Foers Worten: Etwas stimmt nicht mit der Welt, wird immer nicht mit ihr stimmen. Mit den Worten des deutschen Vegetarierbundes, der das Buch mit den hiesigen Daten ergänzt hat: Allein in Deutschland werden jährlich etwa 40 Millionen für die Eierproduktion unbrauchbare Hahnenküken vergast oder bei lebendigem Leib geschreddert.

          Die beklemmendste Vignette des Buches trägt den Titel „Die Erlösung“ und berichtet vom Besuch einer mit Futterautomaten, Ventilatoren und Wärmelampen ausgestatteten Truthahnmast, deren Personal ein zitterndes, verkrustetes, starr die Beine streckendes Küken mit einem Schnitt durch die Kehle „erlöst“. Es ist das durch und durch klinische Setting dieser mit Sägemehl ausgelegten Intensivstation, das den Autor in seinen Bann zieht: „Außer den Tieren selbst gibt es nichts, was auch nur ansatzweise natürlich wäre – kein Fleckchen Erde, kein Fenster, durch das Mondlicht hereinfiele. Ich bin überrascht, wie einfach es ist, das anonyme Leben rundherum auszublenden und die Harmonie der Technik zu bewundern, die diese kleine, in sich geschlossene Welt so präzise reguliert, die Effizienz und Perfektion der Maschine zu sehen und die Vögel als Erweiterung oder Zahnrad dieser Maschine zu begreifen – nicht als Lebewesen, sondern als Teile. Sie anders zu sehen fällt schwer.“ Sie anders zu sehen, ist indessen das Ziel des Buches.

          Papa, woher kommt das Fleisch auf meinem Teller?

          Tierschutz und Vegetarismus sind nicht zum kleinsten Teil ästhetische Themen. Wenn es gelingt, die perverse Ästhetik der Massenställe und ihrer gentechnisch manipulierten Insassen greifbar zu machen, dann hat jene Verhaltensänderung eine Chance, die der moralische Appell nicht zuwege bringt. Foer verteidigt nicht Konsequenz und Heiligkeit, denn Scheinheiligkeit und Inkonsequenz „gehören zum Menschlichen“. Stattdessen beschreibt er die aseptischen Bilder des Mastgrauens, deckt die Steigerungslogik der Branche auf, indem er aus den Erfolgsstatistiken zitiert: „Zwischen 1935 und 1995 stieg das Durchschnittsgewicht eines Masthuhns um 65 Prozent, während seine Lebensdauer bis zur Schlachtung um 60 Prozent verkürzt und der Futterbedarf um 57 Prozent gesenkt wurde.“

          Was hinter den beständig optimierten Zahlenkaskaden steht, ist Qual und Verenden des einzelnen Tieres. Foer lässt nicht zu, dass wir die Augen vom Gehäuse der Truthahnmast abwenden: „Weil es so viele Tiere sind, brauche ich mehrere Minuten, bis ich merke, wie viele von ihnen tot sind. Manche sind blutverkrustet, manche voller entzündeter Stellen. Nach manchen wurde offenbar gehackt, andere sind ganz ausgetrocknet und liegen wie kleine Laubhäufchen beieinander. Manche sind deformiert. Die Toten sind die Ausnahmen, aber wohin man auch schaut, man sieht fast immer eins.“

          Papa, woher kommt das Fleisch auf meinem Teller? Von den Tieren, mein Kind, von den Tieren. Foer wusste, als er Vater wurde, dass diese Antwort seinem Sohn später einmal nicht genügen würde. Deshalb recherchierte und schrieb er „Tiere essen“.

          Alte Sitte Schlachten: Forscher finden 3,4 Millionen Jahre alte Rippchen

          Fleischerei hat offenbar eine atemberaubend lange Tradition: Unsere Vorfahren jedenfalls nutzten Steinwerkzeuge schon vor 3,4 Millionen Jahren dazu, Fleisch von Tierknochen zu schaben. Das schließt eine internationale Forschergruppe aus fossilen Tierknochen, die sie in der äthiopischen Region Dikika im Afar-Dreieck fanden. Die Funde von Rippen und eines Oberschenkelschafts zeigen eindeutige Schnitt-, Schab- und Schlagspuren, wie sie Steinwerkzeuge beim Abtrennen von Fleisch oder Aufbrechen der Knochen hinterlassen, berichtet die Gruppe um Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in der Zeitschrift „Nature“. Die bislang ältesten Hinweise auf das Schlachten von Tieren mit Steinwerkzeugen stammen von 2,5 bis 2,6 Millionen Jahre alten Knochen und Steinwerkzeugen, ebenfalls aus Äthiopien. Die neuen Fundstücke sind gut 800 000 Jahre älter. Mikroskopaufnahmen zeigen, dass die Schnittspuren an den Knochen bereits vor der Versteinerung entstanden waren. Die Überreste sind nur wenige hundert Meter von der Stelle geborgen worden, wo McPherrons Kollege Zeresenay Alemseged vor zehn Jahren auf „Selam“ gestoßen war - ein fossiles Skelett eines Kleinkindes von Australopithecus afarensis, das vor 3,3 Millionen Jahren lebte. Zu dieser Gattung zählt auch „Lucy“, deren gut erhaltenes Skelett man 1974 nicht weit von „Selam“ geborgen hatte. Das Alter der Knochen und der Fundort belegen McPherron zufolge, dass sich schon Vertreter dieser frühen Hominiden tatsächlich von Fleisch ernährten. Man könne daraus allerdings nicht schließen, dass die Frühmenschen die Schlachtwerkzeuge auch selbst herstellten. (mli)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf Truppenbesuch: Wolodymyr Selenskyj

          Ukraine-Konflikt : Kiews West-Offensive

          Angesichts des russischen Truppenaufmarsches sucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Nähe zu EU und Nato. Kann er so das Blatt im Osten seines Landes wenden?
          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.