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Marcel Reich-Ranicki wird neunzig : Das große Glück, dass es ihn gibt

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Marcel Reich-Ranicki am Eingang seiner ehemaligen Schule in der Emser Strasse, Berlin, am 3. September 1999 Bild: Frank Röth

Von Marcel Reich-Ranicki lernen, heißt lieben lernen: die Sprache, die Bücher, die Literatur. Eine kleine Hymne auf den großen Kritiker, den Lehrer, das Vorbild.

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          Was macht denn eigentlich dieser kleine Junge mit der großen Brille, da hinter ihm, auf dem Foto vor der großen Tür und der Wand mit den Graffiti und den anderen Kindern, die zu ihm schauen oder irgendwo anders hin?

          Macht der sich lustig über ihn? Versteckt er sich vor dem Fotografen? Ist er eine komische kleine Erinnerung an den Marcel Reich-Ranicki von einst? An den Reich-Ranicki seiner Schulzeit, hier in Berlin, als noch alles hätte anders verlaufen können? Die Geschichte. Sein Leben.

          Es ist einfach ein Junge mit Freude am Versteckspiel, ohne Scheu vor dem alten Herrn vor ihm, der kurz verharrt und auf den Schulhof schaut. Seinen Schulhof. Es ist eines der schönsten Bilder der jüngeren Zeit, die es von Marcel Reich-Ranicki gibt.

          Frank Röth hat es gemacht, als der Kritiker vor einigen Jahren in Berlin war, an seinen Orten in Berlin, in seinem Elternhaus in der Güntzelstraße, am Gendarmenmarkt, im Brecht-Haus und in seiner Schule, dem ehemaligen Fichte-Gymnasium in der Emser Straße. Wo ihm der Direktor 1938, in der mündlichen Abiturprüfung über Gerhart Hauptmann, kurz nach Beginn seines Vortrags ins Wort fiel und meinte, „schön, schön, schön - aber wie ist nun das Verhältnis des Nationalsozialismus zu Hauptmann?“ Auf diese Frage war er nicht gefasst. In Deutsch bekam Marceli Reich nur ein „gut“.

          Es passt ihm nicht recht

          In dem Bild mit dem kleinen Jungen sind zwei Gegenwarten miteinander vereint. Verschmelzen zu einer gemeinsamen Gegenwart, die es eigentlich nicht hätte geben sollen. „Manchmal sieht man in den Korridoren Berliner Schulen alte Leute wie mich herumgehen“, hat Marcel Reich-Ranicki bei seinem Besuch damals gesagt: „Da können Sie sicher sein, das sind alles Juden. Ehemalige Schüler, die emigrieren mussten.“ Viele sind es nicht.

          Heute, im Mai 2010, beinahe neunzig Jahre nach der Geburt von Marceli Reich in Wloclawek in Polen. „Jaaaaa - der Geburtstag, hören Sie auf, hören Sie auf! Fürchterlich!“ So klagt er jetzt schon ein ganzes Weilchen, immer wenn wir miteinander telefonieren. Es passt ihm nicht recht, ein runder Geburtstag, wieder einmal Bilanzen, Rückblicke, ja, ja, ja. Was soll das alles? Das soll vor allem natürlich uns an ein großes Glück erinnern, das große und unwahrscheinliche Glück, dass es ihn gibt, dass sie überlebt haben, damals, er und seine Frau Tosia; dass sie zurückkamen, nach Deutschland, dass sie heute hier leben, in Frankfurt, dass Marcel Reich-Ranicki schreibt und weiterschreibt für uns und Sie.

          Die Unbedingtheit, die er im Leben lernte

          Der Mann, über den Sebastian Haffner einmal schrieb: „Er gehört, subjektiv jedenfalls, überhaupt zu keiner bestimmten Zeit, er lebt in dem Kontinuum der großen Literatur, die keine Zeit und keinen Tod kennt. Wann gab es denn das, was Reich-Ranicki heute verkörpert, wann wurde Literatur so ernst genommen, wann war man mit den Klassikern so vertraut und setzte die Produktion des Tages so selbstverständlich in Beziehung mit der großen Tradition, wann las man in Deutschland so genau und so kritisch-leidenschaftlich? Aber das weiß doch noch jeder: Im ersten Drittel des Jahrhunderts, also in der Zeit, der großen deutsch-jüdischen kulturellen Liebesaffäre.“

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