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Marcel Reich-Ranicki : Ein Ordensritter der Literatur

Der neue Offizier des Ordens von Oranien-Nassau: Marcel Reich-Ranicki in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am heutigen Freitag Bild: ©Helmut Fricke

Seit heute ist Marcel Reich-Ranicki Träger des selten an Ausländer verliehenen niederländischen Verdienstordens „Officier in de Ordre van Oranje-Nassau“. Mit ihm wird die Rolle des Literaturkritikers für die Rezeption holländischer Literatur gewürdigt.

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          Künftig kann Marcel Reich-Ranicki sein Revers mit einem königlichen „draagteken“ schmücken. So heißt im Holländischen die Anstecknadel, die ihren Träger als „Officier in de Orde van Oranje-Nassau“ ausweist. Seit Freitag ist der Literaturkritiker, der in wenigen Tagen seinen neunzigsten Geburtstag begeht, Ritter des niederländischen Verdienstordens, der auf Beschluss und im Namen von Königin Beatrix verliehen wird, wie die prächtige Urkunde bezeugt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur selten erhält ein Ausländer die Auszeichnung, die für besondere Verdienste um das niederländische Gemeinwesen vergeben wird. Marcel Reich-Ranicki musste dafür nicht einmal sehr viel tun. Es reichte, dass er die Literaturgeschichte veränderte, indem er dafür sorgte, dass die damals wenig beachtete niederländische Literatur zu Beginn der neunziger Jahre mit einem Schlag ins Rampenlicht treten konnte.

          Wendepunkt in der Rezeption niederländischer Literatur

          Marnix Krop, der niederländische Botschafter, der für die Preisverleihung aus seiner Berliner Residenz in Reich-Ranickis Frankfurter Redaktionsbüro gekommen war, erinnerte in seiner Ansprache an die ungeheure und folgenreiche Wirkung, die der Einsatz des Kritikers für das Werk von Cees Nooteboom hatte. Die Besprechung des Romans „Die folgende Geschichte“ im Oktober 1991 im „Literarischen Quartett“ machte nicht nur Nooteboom mit einem Schlag bekannt, sondern gilt heute als Wendepunkt in der Rezeption der niederländischen Literatur in Deutschland und darüber hinaus. Autoren wie Nooteboom, Harry Mulisch, Margriet de Moor, Gert Mak und viele andere führte der Botschafter als Kronzeugen dafür an, dass Reich-Ranicki den Literaturbetrieb immer schon als „internationalen Dialog“ betrachtet hat.

          Geschmückt mit dem niederländischen Orden: Marcel Reich-Ranicki zwischen Frank Schirrmacher (l.) und Marnix Krop (r.)

          Während Frank Schirrmacher, Herausgeber dieser Zeitung, seinen holländischen Gästen erklärte, warum kein Kritiker je Reich-Ranickis Nachfolge anzutreten vermocht hat, lüftete der frisch ernannte Ordensritter ein kleines Geheimnis. Niemand konnte verstehen, warum ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki stets verstummte, wenn er nach dem jüngsten Werk der Nobelpreisträgerin Herta Müller gefragt wurde. Hier ist der Grund, und er ist des Ritters eines Ordens, dessen Patron, der Fürst von Oranien, Wilhelm der Schweiger genannt wurde, würdig: „Ich habe das Buch nicht gelesen.“

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