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Machtkampf im Buchhandel : Verleger sind keine Buchhändler

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Künftig nur noch Bestseller? Die großen Ketten - hier Marktführer Thalia - bestimmen derzeit, wohin die Reise im stationären Buchhandel geht Bild: ddp

Der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler hat die Verlage aufgefordert, die Macht der großen Buchandelsketten zu brechen. Jetzt hält ein Insider dagegen: Die Arbeitsteilung zwischen Sortiment und Verlag lasse sich nicht rückgängig machen. Dennoch gehöre die Zukunft des Buches nicht den Bestsellerturmbauern.

          Ulf Erdmann Ziegler hat in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am 29. März einen äußerst sympathisch klingenden Vorschlag gemacht: „Die Macht der großen Buchhandelsketten muss gebrochen werden. Die deutschsprachigen Verlage sollten eine eigene Kette gründen.“ Seine Gedanken sind reizvoll, gehen aber leider an der Realität der deutschen Verlags- und Buchhandelslandschaft vorbei.

          Warum gefällt mir zunächst Zieglers Intention? Weil sich im Buchhandel die Machtverhältnisse in der Tat schon längst von der herstellenden Seite, den Verlagen, auf die verbreitende, das Sortiment, verschoben haben. Weil wir Verlage jedes Jahr aufs Neue von den großen Buchhandelsketten zu Konditionsverhandlungen „eingeladen“ werden, über Konditionen, die zunehmend jede vernünftige Kalkulation unmöglich machen. Weil es gerade reizvolle Bücher immer schwerer haben, das Licht der Öffentlichkeit im Buchhandel zu erreichen, sprich auf den Präsentationstischen oder wenigstens in den Regalen gefunden werden zu können: Der wunderbare Roman von Jörg-Uwe Albig über die Zukunft der Deutschen als Gastarbeiter in China, wird - da kein „Spitzentitel“ mit entsprechendem Etat für den Buchhandel - mit nur wenigen hundert Exemplaren vom gesamten deutschsprachigen Buchhandel bei den Vertretern eingekauft. Wenn dann Leser dieser Zeitung das Buch suchen, suchen sie meistens vergeblich, vor allem in den großen Filialunternehmen. Diese hätten Platz genug, der allerdings von großen Bücherstapeln der wenigen Bestseller zugestellt wird.

          Vielfältige Landschaft, bescheidene Erwartungen

          Fritz J. Raddatz hat vor vielen Jahren in der „Zeit“ einen Artikel über die Macht der großen Buchhandelsketten in den Vereinigten Staaten geschrieben („Der amerikanische Polyp“): Wenn dort ein Verleger bei den Bossen von Barnes & Noble (einem der drei großen, alles beherrschenden Filialisten) fragt, ob sie ein von ihm geplantes Buch in ihr Sortiment aufnehmen würden, und der Daumen nach unten zeigt, wird dieser Verleger wohl oder übel beschließen müssen, dieses Buch gar nicht erst zu drucken. So weit sind wir noch nicht. Wir haben noch eine äußerst vielfältige Buchhandelslandschaft, in der auch gute Bücher mit eher bescheidenen Verkaufserwartungen eine Chance haben. Ein entscheidender Garant für diese Vielfalt ist die feste Preisbindung für Bücher, die es bei uns noch gibt.

          Auslaufmodell? Die kleine, inhabergeführte Buchhandlung tut sich in bestimmten Lagen schwer gegen den Vormarsch der Filialketten

          Die Tendenz jedoch ist eindeutig: Die Konzentration auf Spitzentitel, in der Präsentation im Buchhandel wie in der Werbung bei den Verlagen, lässt sich nicht mehr umkehren; kleinere und vor allem mittelgroße Buchhandlungen haben es immer schwerer.

          Ein Filialbetrieb muss alles bieten

          Warum aber sind die Gedanken von Ulf Erdmann Ziegler unrealistisch? Zunächst können wir bei bestem Willen, auch wenn die Verlage Riesensummen investieren könnten, nicht die Verhältnisse des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufleben lassen. Ich arbeite bei Klett-Cotta, dessen korrekte Firmenbezeichnung J.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH lautet. Die Cotta'sche Buchhandlung war in der Tat ein Ort, in dem der Verleger (unter anderen von Goethe und Schiller) seine Käufer per Handschlag begrüßte. Auf der Buchmesse in Leipzig wurden die neuen Bücher den Lesern und den damals noch wenigen, sich auf die Verbreitung beschränkenden Händlern vorgestellt.

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