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Literaturausstellung „Doppelleben“ : Der Feind im eigenen Haus

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Ihnen wurde vorgeworfen, „der deutschen Tragödie” von den „Logen- und Parterreplätzen des Auslands” aus zugeschaut zu haben: Katia und Thomas Mann 1953 vor dem zerstörten Buddenbrookhaus in Lübeck Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Literarische Neuanfänge in Ost und West: Die Berliner Ausstellung „Doppelleben“ wirft neue Blicke auf Kontinuitäten und Brüche nach 1945. Es ist eine blamable Schau - allerdings mit einem phänomenalen Katalog.

          Im Frühjahr 1944 arbeitete der Schriftsteller Kasimir Edschmid an einem Prachtband über Wien, der in Zusammenarbeit mit „Reichsstatthalter“ Baldur von Schirach herausgegeben werden sollte. Edschmid lebte seit kurzem auf einem Hof im oberbayerischen Ruhpolding und hatte einiges durchzustehen. Die Familie Spatz war in sein Anwesen zwangseinquartiert worden und marterte den Autor mit dem täglichen Klavierüben der Kinder, deren Krankheiten (Masern) und allerlei anderen Unbilden. Künstlerisches Arbeiten drohte unmöglich zu werden.

          Da wandte sich Edschmid, wie schon früher, an die ihm gut bekannten von Schirachs, legte seine ausweglose Lage dar und bat um Abhilfe: „Das Bild Ihrer Kinder steht in meinem Arbeitszimmer. Bitte umarmen Sie sie von uns“, schreibt er im April 1944 an Henriette von Schirach, und tatsächlich ergeht ein Fernschreiben der Gauleitung der NSDAP in Wien an die Kollegen in München, dass dem bekannten Schriftsteller durch die Einquartierungen „jede Möglichkeit genommen“ sei, „seine geistigen Arbeiten fortzusetzen“.

          Unser starres Bild der Nachkriegsliteratur wird wieder verflüssigt

          Es ist eines der Verdienste der heute im Berliner Literaturhaus eröffnenden Ausstellung „Doppelleben“, den Scheinwerfer auf solche mittlerweile fast völlig vergessenen Gestalten der Literaturgeschichte zu legen und so unser starres Bild der Nachkriegsliteratur wieder zu verflüssigen. Kasimir Edschmid war nicht irgendwer. Nach dem Krieg ist er einer der prominentesten deutschen Schriftsteller, eine hochangesehene Schlüsselfigur des Literaturbetriebs. Er wird Generalsekretär des bundesdeutschen PEN-Zentrums und zieht Fäden bei der Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. So sorgt er dafür, dass diese in seiner Heimatstadt Darmstadt unterkommt, er ist ihr Vize- und kurz vor seinem Tod 1966 auch ihr Ehrenpräsident; noch 1965 hält er die Laudatio auf den Büchner-Preisträger Günter Grass.

          Schon 1946 landet er einen (gemessen an den Zeitumständen) großen Verkaufserfolg mit dem mehr als tausend Seiten starken Roman „Das gute Recht“. Geschildert wird darin die Passion eines Künstlers im Dritten Reich, dem das Arbeiten durch Nachbarn zur Hölle gemacht wird. Im Roman sind die peinigenden Einquartierten überzeugte Nationalsozialisten; der Künstler widersteht ihnen mit Charakterstärke.

          Edschmid galt in der Öffentlichkeit als „innerer Emigrant“; er berief sich darauf, dass auch er, als früherer Expressionist, Opfer der Bücherverbrennungen geworden war (tatsächlich hatte er aber 1933 einen anbiedernden Brief an den NS-Autor Hans Grimm geschrieben und seine „Scham“ bekundet, „mich plötzlich mit der ganzen zersetzenden Literatengesellschaft zusammen zu sehen“); ja, es ist sogar so, dass Henriette von Schirach nach 1945 zu ihrer eigenen Entlastung ihre Kontakte mit dem „oppositionellen“ Edschmid anführen kann. Als 1950 seine Nähe zu den Schirachs öffentlich wird, erwirkt er eine Gegendarstellung: „Es hieße zum mindesten meine Intelligenz reichlich unterschätzen, wollte man glauben machen, dass ich als Autor, dem es seit Jahren verboten war, Bücher zu publizieren, im Jahr 1944 noch versucht hätte, als der Krieg längst verloren war, mich bei den Nazis anzubiedern.“

          Die Ausstellung als Alibi für ein Buchprojekt

          Man muss das so ausführlich schildern, weil sonst das Sinnfällige eines solchen Lebenslaufs nicht deutlich wird. Bei allen Protagonisten der Jahre 1945 bis 1955 muss das Vorleben immer miterzählt werden. Damit ist zugleich das große Problem dieser ambitionierten Ausstellung bezeichnet. Sie hat nicht einmal ansatzweise den Raum, um die im Katalog in aller Komplexität dargestellten Verflechtungen von Personen, Institutionen und Werken sichtbar zu machen. Eingezwängt in die für ein Projekt dieser Größenordnung ungeeigneten Räumlichkeiten des Literaturhauses Fasanenstraße, kann nur der Kenner mit den dürren, wie zufällig wirkenden Bildern und Zitaten etwas anfangen - oder eben derjenige, der vorher den grandiosen, fast neunhundert Seiten umfassenden Doppelband im Schuber studiert hat. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt: Die Ausstellung ist nur ein Alibi für das Buchprojekt.

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