https://www.faz.net/-gqz-zgih

Land der Dichter : Gedichte unter erschwerten Bedingungen

  • -Aktualisiert am

Jenseits routinierter Auftrittsorte: Das Frankfurter Literaturhaus gab der Lyrik im vorigen Jahr mit Jenny Holzers Lichtinstallation eine Bühne Bild: Wonge Bergmann

Neuerscheinungen, Festivals und die Qualität beweisen es: Die Lyrik boomt in Deutschland - nur merken es bisher viel zu wenige. Ein Bericht zur Lage des Gedichts, seiner Verfasser, Unterstützer und Leser.

          Das Schöne an Bonmots ist, dass in ihnen mindestens so viel Unsinn wie Wahrheit steckt - und dass sie immer auch etwas über denjenigen verraten, der sie zum Besten gibt. Wenn es um die vermeintlich stets prekäre Lage der Lyrik geht, wird kaum etwas noch immer so genüsslich zitiert wie Gottfried Benns Anekdote über eine Journalistin, die ihm mitgeteilt habe, sie mache sich nichts aus Gedichten - und schon gar nicht aus Lyrik. Damit soll nicht nur dem Journalismus, sondern dem Land der Dichter und Denker selbst ein hämischer Fußtritt mitgegeben werden. Fragt sich nur, wer hier eigentlich wen tritt und aus welchem Grund.

          Schaut man sich die gegenwärtige Lyrikszene an, gibt es nämlich nur Grund zu frohlocken. In der Wirtschaft würde man sagen: Die Branche boomt. Etablierte Namen wie Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb oder Michael Lentz werden flankiert von jungen Dichtern wie Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann, Daniel Falb, Jan Wagner, Uljana Wolf, Nico Bleutge oder Martina Hefter. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

          Bemerkenswert ist nicht nur die schiere Menge sehr guter, gerade junger Lyriker. Erstaunlich ist auch ihre Umtriebigkeit. Kaum eine Szene ist untereinander so gut vernetzt und so anspruchsvoll im Umgang mit der eigenen Arbeit: Die beständige Diskussion und gegenseitige Kritik von neuen Texten ist ebenso reflektiert wie wenig schonend.

          Durs Grünbein, hier an der Universität Frankfurt als Poetikdozent zu sehen, gehört zu den etablierten deutschen Dichtern

          Dazu gesellt sich so etwas wie eine grundsätzliche, länder- und zeitenübergreifende Sorgfaltspflicht für ihr Genre. Viele Lyriker, Jan Wagner etwa, Jan Röhnert, Uljana Wolf oder auch Hendrik Jackson, übersetzen im Gefolge von Hans Magnus Enzensberger fremdsprachige Lyrik ins Deutsche - und pflegen damit eine uralte Tradition weiter. Ulf Stolterfoht und Monika Rinck bieten eigene Führungen an durch die Ernst-Jandl-Ausstellung, die nach Stationen in Wien und München nun in Berlin zu sehen ist. Und gerade ist beim Verlag Klett-Cotta eine Jubiläumsausgabe zum 125. Geburtstag von Gottfried Benn erschienen, zu der Ulrike Draesner, Gerhard Falkner, Uwe Tellkamp, Michael Lentz und Durs Grünbein Vorworte beisteuerten, die in einer sehr speziellen Mischung aus luzidem Kommentar und persönlichem Zugang heutige Perspektiven auf einen der umstrittensten Dichter des vergangenen Jahrhunderts werfen.

          Spitzentitel mit dreihundert Stück

          Klingt alles großartig. Fatal - und irgendwie absurd - mutet dagegen die Entwicklung an, die man derweil im Beziehungsgeflecht von Autoren, Buchmarkt und Rezipienten beobachten kann. Zwar scheint es auf den ersten Blick eine gute Nachricht, wenn sich neben der soeben mit dem Hölderlin-Pries geehrte Daniela Seel, die 2003 den Lyrikverlag kookbooks gegründet hat, mit dem Poetenladen oder dem Wiesbadener Label luxbooks noch andere Jungverleger für die Lyrik engagieren. Die Kehrseite der Medaille aber ist, dass die Lyrik aus den größeren Verlagen zunehmend ausgelagert wird.

          Selten geworden sind Verleger alter Schule wie Michael Krüger, die ihre kulturelle Verantwortung ernst nehmen und nach dem Prinzip der Querfinanzierung wenig lukrativer Titel, wie es Lyrikbände nun einmal sind, durch gewinnbringende Bücher ermöglichen. Was etwa aus dem durchaus feinen Lyrik-Programm des Berlin Verlags wird, nachdem der Bloomsbury-Konzern den Verlag künftig zentral von London aus leiten will, ist ungewiss. Bliebe noch Suhrkamp als Adresse für anspruchsvolle Lyrik - und das war es dann im Grunde auch schon.

          Problematische Situation im Buchhandel

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Demonstranten gehen in Hongkong am Donnerstagabend abermals auf die Straße, um gegen die geplanten politischen Reformen zu protestieren.

          Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

          China übt druckt auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

          Fed-Präsident Jerome Powell : Trumps Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.